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2022: Statement des FSR Soziologie zur Einladung Alexander Zinns in das Zeitgeschichtliche Kolloquium.

Wir befinden uns im Zeitraum der Diversity Tage der Thüringer Hochschulen. Am 01.06.2022 stellt Alexander Zinn an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Rahmen des Zeitgeschichtlichen Kolloquiums sein Buch "Von »Staatsfeinden« zu »Überbleibseln der kapitalistischen Staatsordnung«. Homosexuelle in Sachsen 1933-1968" vor. Zinn forscht zu den Lebensumständen homosexueller Frauen und Männer sowie trans- und zwischengeschlechtlicher Menschen in Frankfurt am Main zwischen 1933 und 1994. Im Bereich der Forschung an der Geschichte der Homosexuellen in Deutschland ist er eine wichtige, aber nicht unumstrittene Person.[1]

Der Anlass der Stellungnahme ist nicht die Forschung von Zinn. Der FSR Soziologie, in Zusammenarbeit mit queeren Studierenden, begrüßt ganz klar und eindeutig die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte queerer Menschen, von Sexualitäten und Geschlechtern. Wir verstehen uns als eine wichtige Institution der Friedrich-Schiller-Universität und fühlen uns dem wissenschaftlichen Diskurs verpflichtet. Gleichzeitig verstehen wir uns als Interessenvertretung benachteiligter Gruppen, z.B. queerer Studierender. Als Solche werden wir uns in dieser Stellungnahme nicht mit der wissenschaftlichen Arbeit von Zinn auseinandersetzen, sondern mit einem Artikel, der am 16.03.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.[2]

Unter der Überschrift "Einfalt statt Vielfalt - Wie die Lesben- und Schwulenverbände in linksidentitäres Fahrwasser gerieten" bedient Zinn dort das Narrativ von queeren und queerfeministischen Bewegungen als Opferkultur, die gesamtgesellschaftliche Sprechund Denkverbote durchsetzen wolle. Inhaltlich ist in dieser Debatte schon vieles gesagt worden.[3] Eine Satz-für-Satz-Kritik [4] des Artikels ist im Rahmen unserer Kapazitäten nicht möglich und auch eine falsche Platzierung unserer Kräfte.[5] Wir möchten jedoch einige Punkte berichtigen, die die heutige queere Bewegung falsch und deshalb mit anti-emanzipatorischen Effekten darstellen.

Außerdem planen wir zeitnah zum Thema „Transfeindlichkeit“ einen Expert*innenbeitrag.

1. "cis-gender" und "heteronormativ" als abschätzige Begriffe. Es handelt sich um deskriptive Begriffe. "Cis" als Gegenstück zu "trans" [6] (niemand würde sagen, "hetero" als Gegenstück zu "homo" wäre abwertend) und "heteronormativ" als analytischer, sozialwissenschaftlicher Begriff.[7]

2. Die Vorstellung, dass "heterosexuelle Männer künftig durch bloßes Vorsprechen beim Standesamt (ohne operative Geschlechtsumwandlung) zu lesbischen Frauen werden sollen" ist ein typisches transfeindliches und vor allem transmisogynes StrohmannArgument. Es wird - wie Zinn selbst sagt - auch von Feministinnen verwendet; jedoch bei weitem nicht von allen, sondern von denen, die trans* Personen aus ihrem Feminismus ausschließen. Die Diskussion über TERFs (Trans Exclusionary Radical Feminists) und J.K. Rowling (die von Zinn zusammen mit bspw. Birgit Kelle und Wolfgang Thierse als mutige Selbstdenker*innen und Opfer der "Cancel Culture" dargestellt werden) hat hier keinen Platz. Wir wollen jedoch mit dem transmisogynen Mythos [8] aufräumen, der darin enthalten ist.

Dieser lautet folgendermaßen: Wenn in Deutschland statt des Transsexuellengesetzes ein Selbstbestimmungsgesetz eingeführt werden würde, würden viele (heterosexuelle) Männer personenstandsrechtlich transitionieren, um in Frauen(schutz)räume einzudringen und dort Frauen zu belästigen/ihnen Gewalt anzutun, bzw. von lesbischen Frauen verlangen, mit ihnen sexuelle Handlungen zu vollziehen.

a) Männer müssen keine Transition vornehmen, um Frauen zu belästigen/ihnen Gewalt anzutun. Dazu die Tagesschau: "Jeden Tag gibt es in Deutschland einen polizeilich registrierten Tötungsversuch an einer Frau in Deutschland. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners." [9] 95% der Frauen und 97% der Menschen in der Geschlechtskategorie "divers" geben an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben, über 90% der Täter*innen sind männlich.[10]

b) Mit dem Selbstbestimmungsgesetz wäre eine personenstandsrechtliche Transition deutlich einfacher als mit dem Transexuellengesetz, aber würde immer noch Mühen nach sich ziehen. Der geänderte Personenstand und ggf. Vorname müssten bei Krankenkasse, Rentenversicherung, Banken, Arbeitgeber*innen etc. angegeben werden. Es ist eine abwegige Vorstellung, dass so viel Aufwand unternommen wird, um etwas zu tun, das Männer auch ohne diese Arbeit mühelos tun können.

c) Von allen queeren Menschen erfahren trans* Frauen und trans* feminine Personen die meiste Gewalt.[11] Sie als "verkleidete männliche Täter" zu inszenieren ist TäterOpfer-Umkehr und trägt zu tödlicher Transmisogynie bei.

d) Argentinien, Malta, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Irland, Portugal, Island, Neuseeland, Norwegen, Uruguay und die Schweiz haben ein Selbstbestimmungsgesetz.[12] In keinem dieser Länder kam es zu einer Schwemme von "unechten trans* Frauen".

3. Dass die Kritik an der Stilisierung als Opfer nicht ausreichend komplex diskutiert wird, zeigt sich besonders an der in dem Artikel entfalteten Aussage, dass queere Menschen lediglich die „Kunst [...] mit Vorurteilen zu leben‘“ beherrschen müssten, um – so wie es mit jener Passage suggeriert wird – von ihrem Leid befreit zu sein. Damit wird die Verantwortung für das Empfinden und Erfahren von Leid und Schmerz allein bei den queeren Menschen selbst gesehen. Folglich verschließt sich eine Sichtweise wie diese zwangsläufig jeglichem wertvollen Diskurs über Strukturen von Macht und Gewalt sowie über weitere Zusammenhänge im Hinblick auf Prozesse der Diskriminierung und Stigmatisierung, die es angemessen und nach wissenschaftlichen Standards zu erforschen gilt. Außerdem bleiben diese "Vorurteile" nicht folgenlos - sie haben reale Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit von queeren Menschen, auf ihre Möglichkeiten an der gesellschaftlichen Teilhabe, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und nicht zuletzt auf ihre körperliche Unversehrtheit.

4. Die von Zinn formulierte Bezeichnung der Safe-Spaces als „geistige Gefängnisse“ ist – auch wenn dies nun sehr direkt und harsch klingen mag – genauso rücksichtslos realitätsfern. In dem vom Queer-Paradies angebotenen Format „Queergelesen“ ist es gelungen, einen Safe-Space zu errichten, an dem sich zahlreiche Studierende monatlich rege beteiligen. Hier ist es möglich, eine vertrauliche Basis zu schaffen. Im Rahmen dieses geschützten Formates ist es bereits vorgekommen, dass sich innerhalb des SafeSpaces einige Studierende dazu überwunden haben, sich mit ihren Gefühlswelten, Erfahrungen oder gar seelischen Schmerzen an das Queer-Paradies zu wenden. Dem Queer-Paradies wird regelmäßig zurückgemeldet, dass der Besuch dieses SafeSpace für jene Personen ein Gefühl des Empowerments hervorruft. Folglich fühlen sich diese Personen in ihrer Selbstfindung, in ihrem Outing-Prozess sowie in ihrer Selbstbehauptung in der Gesellschaft bestärkt. Dem Queer-Paradies wird ebenso problematisches, queerfeindliches Verhalten einiger Psychotherapeut*innen berichtet. Solche Erfahrungsberichte führen zu starken Hemmschwellen, sich mit den eigenen Gefühlen an einen*eine Therapeut*in oder psychosoziale Beratungsstelle zu wenden. In Safe-Spaces wie dem Queer-Paradies fühlen sich Menschen mit Ihren Erfahrungen der Ausgrenzung und Diskriminierung und akzeptiert. Insofern können wir anhand etlicher dieser Feedbacks begründen, dass Safe-Spaces von besonderer sozialer Relevanz sind. Weder wird innerhalb dieser Räume den Teilnehmenden verboten bestimmte Meinungen zu äußern, noch bemüht sich das Queer-Paradies darum, sie zwanghaft von bestimmten Ansichten zu überzeugen.

5. Unter Identitätspolitik verstehen wir keine unterkomplexe aggressive Gleichmacherei, wie im Artikel von Zinn dargestellt wird. Unser Verständnis lässt sich mit einem Zitat von Audre Lord zusammenfassen: "It is not our differences that divide us. It is our inability to recognize, accept, and celebrate those differences."

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[1] Vgl. Alexander Zinn, „Aus dem Volkskörper entfernt?“ Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2018. Siehe außerdem die Debatte zwischen Alexander Zinn und Lutz van Dijk: Alexander Zinn, Schwule Helden und lesbische Märtyrerinnen? Die Aufarbeitung der Homosexuellenverfolgung im Nationalsozialismus ist für die queere Community identitätsbildend – teilweise auch gegen die Faktenlage, in: Berliner Zeitung, 27.01.2021; Lutz van Dijk, Fehlendes Gedenken an queere NS-Opfer. Es ist an der Zeit, historische Forschung zu demaskieren, in: Der Tagesspiegel, 04.02.2021; Alexander Zinn, Zwischen Opfermythos und historischer Präzision, in: Berliner Zeitung, 07.04.2021 - zitiert nach http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-93585

[2] nach unseren Recherchen gab es seitens Alexander Zinn keine Distanzierung zu diesem Artikel. Wir gehen davon aus, dass er die darin niedergeschriebene Position weiterhin vertritt.

[3] https://www.journalistenakademie.de/dossiers/freiraum/the-sargnagel-talks-back-again/ - Dem Fazit des Autors schließen wir uns nicht an. Laut Anwesenden ging es sehr kontrovers zu.

[4] https://missy-magazine.de/blog/2017/07/12/the-sargnagel-talks-back-eine-replik-auf-die-emma/

[5] Ohne Queerfeindlichkeit mit Rassismus gleichsetzen zu wollen, gilt für beide Diskriminierungsformen und für den Umgang Betroffener damit folgender Satz von Toni Morrison: "The very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being."

[6] Volkmar Sigusch: Die Transsexuellen und unser nosomorpher Blick. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Heft 3–4, 1991, ISSN 0932-8114

[7] Ein Beispiel: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, et al. Queer as ... - Kritische Heteronormativitätsforschung Aus Interdisziplinärer Perspektive / Barbara Paul, Lüder Tietz (Hg.) ; (unter Mitarbeit Von Caroline Schubarth). transcript, 2016.

[8] Mehr zu transfeindlichen Mythen in den Feuilletons: http://www.transinterqueer.org/wpcontent/uploads/2022/02/Broschuere_T-feindliche_Mythen.pdf[9] https://www.ndr.de/kultur/Femizide-in-Deutschland-Wenn-Maenner-Frauentoeten,femizid100.html

[10] Kruber, Anja; Weller, Konrad; Bathke, Gustav-Wilhelm; Voss, Heinz-Jürgen (2021): PARTNER 5 Erwachsene 2020. Primärbericht: Sexuelle Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt. Merseburg: Hochschule Merseburg, online verfügbar unter: https://www.ifas-home.de/wp-content/uploads/2021/03/Bericht-Partner-5-Erwachsene-Dunkelfeld-FINAL.pdf

[11] The National Coalition of Anti-Violence Programs (NCAVP): Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer and HIV-Affected Hate and Intimate Partner Violence in 2017, online verfügbar unter: https://avp.org/2017-hv-ipv-report/

[12] https://www.lsvd.de/de/ct/6417-Selbstbestimmungsgesetz#laender-mit-selbstbestimmungsgesetz

2019: Konferenz Great Transformation

Vom 23.-27. September findet in Jena die Konferenz "Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften" statt. Es handelt sich dabei um eine Doppelkonferenz: Sowohl Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) als auch Abschlusskonferenz der DFG-Kollegforscher*innengruppe "Postwachstumsgesellschaften".

Wir möchten alle Interessierten herzlich einladen, auch aktiv an der Konferenz teilzunehmen. Hierfür haben wir in Kooperation mit der Planungsgruppe der Konferenz ein Forum für studentische Perspektiven auf das Thema der Konferenz geplant. Einen Call for Papers für dieses Forum (inklusive inhaltlicher Anregungen) findet ihr hier [pdf, 58 kb].

Weitere Infos zur Konferenz hier: https://www.great-transformation.uni-jena.de/

Wir freuen uns über zahlreiche Einsendungen und sehen euch auf der Konferenz!

Bei Fragen schreibt gerne an: fsr.soziologie@uni-jena.de

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