Forschung

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„Freiwilligkeit als Ressource im Gegenwartskapitalismus“ Foto: Arbeitsbereich Politische Soziologie

„Freiwilligkeit als Ressource im  Gegenwartskapitalismus“

Soziologisches Teilprojekt im Rahmen der von der DFG geförderten interdisziplinären Forschungsgruppe „Freiwilligkeit“ (Erfurt, Oldenburg, Jena)

https://www.uni-erfurt.de/philosophische-fakultaet/forschung/forschungsgruppen/freiwilligkeit

 

Laufzeit: Oktober 2020 bis September 2023

Projektleitung: Prof. Dr. Silke van Dyk, PD Dr. Stefanie Graefe

Kontakt: silke.vandyk@uni-jena.de; stefanie.graefe@uni-jena.de

Durch den Wandel des Wohlfahrtsstaats, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie die digitale Revolution entsteht eine Nachfrage nach Tätigkeiten, die mehr oder weniger unbezahlt, informell und freiwillig erbracht werden (sollen): Vom Engagement im Pflegestützpunkt über unbezahlte (Mehr-)Arbeit in Unternehmen bis hin zur wertschöpfenden Tätigkeit von Konsument*innen in der digitalen Ökonomie. Freiwilligkeit wird, so die Ausgangsvermutung, zum Dreh- und Angelpunkt einer sich neu herausbildenden Mixed-Activity-Economy, der das Teilprojekt in folgenden Untersuchungsfeldern nachgeht: a) Formen der nicht oder niedrig entlohnten Arbeit auf digitalen Plattformen (Prosuming, Clickworking, Sharing); b) freiwilliges Engagement von abhängig Beschäftigten in Unternehmen der digitalen Ökonomie sowie c) analog organisiertes zivilgesellschaftliches Engagement..

Mit diesen Untersuchungsfeldern zielt das Projekt darauf, gegenwartstypische Portfolios freiwilliger Arbeit jenseits betrieblich regulierter Erwerbsarbeit und klassischer Hausarbeit zu untersuchen. Dabei richtet sich das Forschungsinteresse insbesondere auf Tätigkeiten, die im Kontext der sich gegenwärtig herausbildenden digitalen Ökonomie an Bedeutung gewinnen. Ziel ist es, die Ausgestaltung und Kombination dieser Tätigkeiten für Deutschland und die USA vergleichend auszuloten, um den Einfluss unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Pfadabhängigkeiten in den Blick zu bekommen.

BMBF-Projekt "Gesema" - „Gesellschaft selber machen? Informelle Ökonomien und soziale Teilhabe in ländlichen Armutsräumen“ Inhalt einblenden
Logo Gesema gefördert vom BMBF Grafik: Tine Haubner Grafik: Bundesministerium für Bildung und Forschung

 

„Gesellschaft selber machen? Informelle Ökonomien und soziale Teilhabe in ländlichen Armutsräumen“ (Gesema)

BMBF-Einzelforschungsvorhaben im Themenfeld „Teilhabe und Gemeinwohl“

Laufzeit: Januar 2020 bis Dezember 2023

Projektleitung: Dr. Tine Haubner und Prof. Dr. Silke van Dyk

 

 

Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen: Dr. Mike Laufenberg und Laura Boemke M.A.

Studentische Mitarbeiter*innen: Wanda Gehrt

Kontakt: gesema@uni-jena.de  / Telefon: +49 3641 9-45550 (Sekretariat)

Unter dem Druck kommunaler Versorgungsdefizite und den Herausforderungen des demografischen Wandels stehen ländliche Räume in Bezug auf Peripherisierungs- und Schrumpfungsprozesse zunehmend im Fokus von Wissenschaft, Politik und Medien. Während sich einerseits soziale und politische Krisenprozesse hier wie unter einem Brennglas verdichten, erlebt der ländliche Raum andererseits Zeit eine Renaissance als politischer Erprobungsraum zivilgesellschaftlicher Selbstbestimmung, in dem Lücken von Infrastruktur und Daseinsvorsorge jenseits von Markt und Staat geschlossen werden. Mit der Losung „Gesellschaft selber machen“ zeichnet sich ein Trend zu einer „neuen Gemeinschaftlichkeit“ ab (Frech et al. 2017: 15), im Zuge dessen Nachbarschaftsprojekte, Selbsthilfe, bürgerschaftliches Engagement und kooperative Subsistenzökonomie (wieder) an Bedeutung gewinnen. Diese Entwicklung wird zugleich sozialpolitisch befördert: Der aktivierende Sozialstaat setzt zunehmend auf die Förderung lokalen Engagements und informeller Hilfe durch „sorgende Gemeinschaften“. Das sozialintegrative Potenzial und die gemeinwohldienliche Wirkung lokaler Selbsthilfe-, Engagement- und Unterstützungsnetzwerke wird im politischen Feld nahezu unisono gewürdigt. Doch wie steht es tatsächlich um die Aufwertung ruraler Strukturen durch alte wie neue Formen informeller Aktivitäten? Wo liegen die Potentiale aber auch Grenzen einer (Re-)Vitalisierung von Gemeinschaftlichkeit? Und wie können so lokale Versorgungsdefizite kompensiert und zunehmende soziale und regionale Ungleichheiten angemessen adressiert werden?

Zum einen geht das Forschungsprojekt der Frage nach, wie informelle Ökonomien und informelle Selbsthilfe- und Unterstützungsstrukturen in strukturschwachen ländlichen Räumen strukturiert sind, wo und wie sie an die Stelle vormals öffentlicher Angebote treten und welche Bedeutung ihnen unter den Bedingungen von Abwanderung und Schrumpfung, sozialer Ungleichheit und kommunalen Versorgungsdefiziten zukommt. Zum anderen soll untersucht werden, unter welchen Bedingungen diese informellen Strukturen teilhabefördernd und gemeinwohlsteigernd wirken und wann sie stattdessen Gefahr laufen (können), exklusive Solidarität zu etablieren, Prozesse sozialer Polarisierung voranzutreiben, traditionelle Geschlechterrollen zu revitalisieren oder professionelle Standards zu unterlaufen.

Das Forschungsprojekt fragt konkret:

1) ob sich in ländlichen Armutsräumen Prozesse der Informalisierung ehemals öffentlich regulierter, sozialer Daseinsvorsorge beobachten lassen;

2) wie die (tradierte) informelle Ökonomie vor Ort strukturiert ist bzw. welche Aktivitäten und Formen der Selbstversorgung und des Austausches, des Engagements, der Unterstützung und Kooperation existieren;

3) inwiefern informelle und zivilgesellschaftliche Selbsthilfe- und Unterstützungsstrukturen tragfähige Antworten auf lokale Ressourcenverknappung in ländlichen Armutsräumen liefern und zu Gemeinwohl und Teilhabe beitragen können und schließlich

4) wie lokale Akteure Aktivitäten und Formen der Selbstversorgung und Kooperation deuten und welche Ansichten oder Erwartungen sie in Bezug auf Sozialstaat, Arbeitsmarkt, Demokratie und Zivilgesellschaft hegen. Neben der Rekonstruktion der institutionellen Rahmenbedingungen, Praktiken und sozioökonomischen Folgen informeller Selbsthilfe- und Unterstützungsnetzwerke stehen die subjektiven Deutungsmuster und Gesellschaftsbilder der ländlichen Akteure im Fokus – erlauben doch erst diese, soziales Handeln und Vorstellungen von Teilhabe und Gemeinwohl zu verstehen. Das Projekt untersucht mithilfe eines Methodenmixes aus Expertinneninterviews, problemzentrierten Interviews, intergenerationellen Gruppendiskussionen, ethnografischen Haushaltsstudien sowie Dokumenten- und Datenanalysen vier ländliche Armutsregionen im Ost-West-Vergleich.

"Neue Kultur des Helfens oder Schattenökonomie? Engagement und Freiwilligenarbeit im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats" Forschungsprojekt gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung Inhalt einblenden
Engage Foto: AB Politische Soziologie

"Neue Kultur des Helfens oder Schattenökonomie? Engagement und Freiwilligenarbeit im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats"


Forschungsprojekt gefördert   von der Hans-Böckler-Stiftung

Laufzeit: April 2017 bis September 2020

Projektleitung: Prof. Dr. Silke van Dyk und Dr. Tine Haubner

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Laura Boemke

Studentische MitarbeiterInnen: Manuel Jaeschke, Franziska Wiest

Im Zuge der Restrukturierung hin zum aktivierenden Sozialstaat, forciert durch die Krise der Staatsfi-nanzen und eine Krise sozialer Reproduktion, gewinnt das sorgende Potenzial unbezahlter Arbeit - auch jenseits familiärer Kontexte - (sozial-)politisch an Bedeutung. In Zeiten, da immer weniger Frauen ganztägig als "heimliche Ressource der Sozialpolitik" (Beck-Gernsheim 1991: 66) zur Verfü-gung stehen, wird zunehmend die moralische Pflicht zur gemeinwohldienlichen Aktivität aller SozialstaatsbürgerInnen proklamiert. Angesichts der empirisch gut belegten, politischen Adressierung von Engagement und Freiwilligenarbeit als neuer Produktivitätsressource interessiert uns, inwiefern konkrete Aktivitäten staatlicherseits für eine subsidiäre Daseinsfürsorge in Dienst genommen werden und wie diese Konstellation von Engagierten wie 'HilfsempfängerInnen' erlebt, gedeutet und gestaltet wird.
Während es an übergreifenden Zeitdiagnosen sowie an Fallstudien zu einzelnen Engagementfeldern nicht mangelt, fehlt es an wohlfahrtsstaatstheoretisch fundierten, empirischen Analysen, die die Inanspruchnahme unbezahlter oder geringfügig entschädigter Arbeit in unterschiedlichen Feldern in den Blick nehmen und ihre materielle wie symbolische Funktion im Wohlfahrtsmix vergleichend eruieren. Ausgehend von einer Rekonstruktion der institutionellen und diskursiven Rahmenbedingungen von Engagement und Freiwilligenarbeit im aktivierenden Sozialstaat, sollen im Forschungsvorhaben entlang der drei empirischen Säulen 'Flüchtlingshilfe', 'Pflege' und 'kommunale Infrastruktur' explorative Fallstudien in Baden-Württemberg und Berlin/Brandenburg durchgeführt werden, die eine im Vergleich geschärfte Analyse der Funktionsmechanismen und Nutzungspraktiken in den ver-schiedenen Engagementfeldern ermöglichen.
Das Vorhaben zeichnet sich durch die Verschränkung von drei Analyseebenen aus, die in der Forschung bislang weitgehend unverbunden nebeneinander stehen: Die makrosoziologische Analyse politischer Adressierungen, Institutionen und Policies (Ebene 1), d.h. die Analyse der "Regierung der Freiwilligkeit" (Neumann 2016: 23), wird ergänzt um eine qualitative Interviewstudie mit Engagierten und 'HilfsempfängerInnen', die Mikropolitiken der Freiwilligenarbeit (z.B. mit Blick auf Sinnstiftung, Überforderung oder erlebte Abhängigkeit) in den drei empirischen Säulen in den Blick nimmt (Ebene 2). Hier ist die Frage nach dem Eigensinn - und damit nicht zuletzt nach dem kritischen und widerständigen Potenzial - freiwilligen Engagements im aktivierenden Sozialstaat zentral. Die dritte Analyseebene adressiert die polit-ökonomischen und professionspolitischen Implikationen der Indienstnahme von Engagement und Freiwilligenarbeit, fragt also zusätzlich zu den Mikropolitiken der Freiwilligenarbeit aus Sicht der Akteure nach den materiellen und professionsrelevanten Konsequenzen für die Zukunft von sozialer Daseinsvorsorge und Erwerbsarbeit. Die Zusammenschau aller drei Analyseebenen adressiert die übergreifende Frage, inwiefern das Fördern, Fordern und In-Anspruch-Nehmen von Engagement und Freiwilligenarbeit im aktivierenden Staat zum Vehikel von Informalisierungs- und De-Professionalisierungsprozessen wird. A New Culture of Helping Others or Shadow Economy? Volunteer Labour and Welfare State Transformation in Germany

Interview zum Forschungsprojekt

Über Community-Kapitalismus, helfende Hände und einen Arbeitsmarkt unterhalb des Mindestlohns“ – Emma Dowling und Silke van Dyk im Gespräch mit Friederike Bahl, Online-Beitrag auf: Soziopolis. Gesellschaft beobachten, 14.11.2018.  https://soziopolis.de/beobachten/wirtschaft/artikel/interview/

Publikationen zum Projekt

Tine Haubner, Silke van Dyk & Laura Boemke (2020): „Im Westen nichts Neues, im Osten noch selten? Freiwilliges Engagement im Spannungsfeld von Nachwende-Erbe und neuen Herausforderungen“, in: Voluntaris, 8 (1), S. 57-72 [mit Tine Haubner und Laura Boemke].

Silke van Dyk (2019): „Von der Nothilfe zur politischen Ökonomie des Helfens. Flüchtlingshilfe in der Freiwilligengesellschaft“, in Kristina Binner & Karin Scherschel (Hg.), Fluchtmigration und Gesellschaft. Von Nutzenkalkülen, Solidarität und Exklusion, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 32-49.

Silke van Dyk & Tine Haubner (2019): „Gemeinschaft als Ressource? Engagement und Freiwilligenarbeit im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats“, in: A. Doris Baumgartner & Beat Fux (Hg.), Sozialstaat unter Zugzwang? Zwischen Reform und radikaler Neuorientierung, Wiesbaden: Springer VS, S. 259-280.

Tine Haubner (2019): "Das soziale Band neu knüpfen? Bürgerschaftliche Sorge-Dienstleistungen im Schatten von Arbeitsmarkt und Sozialstaat",in: Klaus Dörre & Hartmut Rosa (Hg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie, S. 197-210.

abgeschlossene Forschungsprojekte Inhalt einblenden

"Vom 'verdienten Ruhestand' zum 'Alterskraftunternehmer'? Diskurse und Deutungsmuster des Alters in der aktivgesellschaftlichen Transformation des Sozialstaats" (Teilprojekt im Rahmen des SFB 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" der Uni­versitäten Jena und Halle, Förderungsphase 2008-2012; Projektleitung: Silke van Dyk, Stephan Lessenich).

"Zonen des Übergangs. Dimensionen und Deutungsmuster des Alterns bei jungen, älteren und alten Menschen" (Interdisziplinäres Forschungsprojekt im Rahmen des Förderschwerpunktes "Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven des Alters" der Volkswagen-Stiftung, Förderphase November 2008 bis November 2011; Projektleitung: Silke van Dyk, Karena Leppert, Stephan Lessenich, Ulrich Otto, Klaus Rothermund und Bernhard Strauß)

Kontinuitäten und Brüche - Tabuisierung und Aufarbeitung. 1922 - 1934 - 2008: Soziologische Wissenschaftsgeschichte aus der Jenaer Perspektive, gefördert durch Prof. Dr. Jan Phillip Reemtsma/Hamburger Institut für Sozialforschung, Laufzeit: April bis Oktober 2008; Projektleitung: Silke van Dyk

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