Vortragsreihe im WS 20/21

Hier finden Sie alle nötigen Infos zur vom FSR und von decolonize Jena! organisierten Vortragsreihe "Gesellschaftsdiagnose: Rassismus" im WS 20/21

Meldung vom: 10. November 2020, 10:07 Uhr

decolonize Jena! und der FSR Soziologie organisieren im November
und Dezember die Vortragsreihe „Gesellschaftsdiagnose: Rassismus“

Unsere Gesellschaft ist von rassistischen Strukturen durchzogen.
Rassismus äußert sich unter anderem in institutionellen Strukturen, in
sozialen Bewegungen, in der Entwicklungszusammenarbeit und nicht zuletzt
auch in politischen Räumen. Wir werden in diese Gesellschaft und deren
rassistische Systeme hineingeboren und durch sie sozialisiert. Hanau und
Halle sind extreme Beispiele und zugleich Ausdruck davon, dass
rechtsradikale und rassistische Weltbilder gegenwärtig offen
artikuliert werden. Rassismus beginnt allerdings nicht erst, wenn eine
Person andere Menschen ermordet und lässt sich nicht auf rechtsradikale
Kreise reduzieren. Rassismus beginnt und reproduziert sich in
unbedachten Sätzen, in politischen Debatten und auch in (vermeintlich)
aufgeklärten Kreisen. Deshalb ist es umso wichtiger, sich diese
Strukturen bewusst zu machen, um aktiv gegen sie angehen zu können.
Ausgehend von der Gesellschaftsdiagnose Rassismus soll die Vortragsreihe
dessen institutionelle Verankerung in verschiedenen gesellschaftlichen
Feldern sowie die Wirkung von Vorurteilen und Klischees im Alltag
sichtbar machen. Sie lädt zu diesem Thema mehrheitlich
BPoC-Expert*innen ein, damit diese von ihren Forschungen und eigenen
Erfahrungen berichten können. Die Veranstaltungsreihe möchte zu einer
Debatte beitragen, wie wir als und innerhalb der Gesellschaft Rassismus
entgegenwirken können. Die Veranstaltungsreihe ist daher keine Reaktion
auf rassistisch-ideologische Gewaltausbrüche, sondern legt den Fokus
auf die gesamtgesellschaftlichen rassistischen Zustände, die solche
Ausbrüche überhaupt erst ermöglichen. Das Aufzeigen rassistischer
Strukturen ist gerade auch in der Stadt Jena und an der
Friedrich-Schiller-Universität wichtig. Nicht zuletzt, da die
Kernmitglieder des NSU-Komplexes ihre Wurzeln in Jena haben. Auch die
2019 veranlasste Jenaer Erklärung „Jenaer Erklärung. Das Konzept der
Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“
zur sogenannten „Rassenlehre“ verdeutlicht die Aktualität und
Relevanz des Themas.


IMMER DIENSTAGS ONLINE UM 18.30 UHR:

10.11. Rassismus im Rechtsstaat – Madeleine Henfling

In der letzten Legislatur des Thüringer Landtages wurde
Fraktionsübergreifend eine Enquetekommission Rassismus und
Diskriminierung eingesetzt. Diese Enquetekommission war eine
unmittelbare Konsequenz aus den Untersuchungsausschüssen zum NSU
Komplex. Ausgehend von der Tatsache, dass gerade die Nichtentdeckung der
rechtsterroristischen Mordserie des sogenannten NSU mit
unterschiedlichen rassistischen Mustern einherging, wurde die
Entscheidung getroffen, sich konkret in einer Kommission mit Rassismus
und Diskriminierung auseinanderzusetzen. Im Fokus der Debatten stand
dabei die Auseinandersetzung mit strukturellem und institutionellem
Rassismus in Behörden und Institutionen. Entgegen der
Kommissionsmehrheit und der in den Anhörungen vom überwiegenden Teil
der Wissenschaftler*innen abgegebenen Stellungnahmen, beharrte eine
Minderheit in der Kommission auf der Ansicht, dass rassistische und
diskriminierende Verhaltensweisen ausschließlich das Resultat von
illegitimen Einstellungsmustern einzelner Personen seien und somit nur
durch ein jeweils individuelles Fehlverhalten erklärt werden könnten.
Für die Begriffsbestimmung „institutionellen Rassismus“ möchte ich
auf die im Rahmen der Enquete-Kommission vom IDZ abgegebene
Stellungnahme in der Zuschrift 6/1274 auf S. 2 verweisen: „Doch die
Facetten der Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (u.a. Rassismus)
zeigen sich nicht nur in Einstellungen, Ideologien und Motivationen von
Individuen. Sie verfestigen sich zudem in diskriminierenden
Machtverhältnissen und Zuschreibungen, in institutionellen Routinen,
Regelungen und Entscheidungsfindungsprozessen, wie im Falle des
„institutionellen Rassismus”. Auch im CERD-Staatenbericht von 2015
heißt es „Institutioneller Rassismus liegt vor, wenn Institutionen
rassistische Zuordnungen übernehmen und daraus für die so markierten
Menschen systematische Benachteiligungen folgen. Institutioneller
Rassismus bedeutet nicht, dass notwendigerweise alle Personen, die in
entsprechenden Institutionen arbeiten, persönlich rassistische
Absichten verfolgen. Der Rassismus ist stattdessen in Routinen und
Regelungen eingewoben, welche diese Diskriminierung erzeugen, ohne dass
es den Beteiligten auffallen muss.” Daraus ergibt sich für politisch
handelnde Akteur*innen ein Handlungs- und Überprüfungsbedarf sowohl in
Behörden und staatlichen Institutionen aber auch in eigenen Strukturen
wie Parlamenten und Parteien. Und es bedarf einer grundlegenden
Identifizierung von rassistische Routinen und Regelung für fast alle
politischen Bereiche, um strukturellem und institutionellem Rassismus
wirksam zu begegnen.

Madeleine Henfling ist Abgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen im
Thüringer Landtag und ist Vizepräsidentin desselben. Sie ist
Sprecherin für Innen- und Kommunalpolitik, Kultur- Europa- Medien- und
Netzpolitik und Antifaschismus und Demokratie und saß mit im
NSU-Untersuchungsausschuss Thüringen.

_Moderiert wird die Veranstaltung von Konrad Erben (Initiative Schwarzer
Menschen in Deutschland, ISD)._

Den Link zur Online-Veranstaltung findet ihr hier:
https://www.facebook.com/events/741306386460141/

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24.11. Rassismus in der Entwicklungszusammenarbeit – Angelika Heller

In der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit wird Entwicklung oft
verstanden als positive gesellschaftliche Veränderung. Doch wer
bestimmt, welche Veränderungen konkret gemeint sind und wer welche
Rolle in diesem Entwicklungsprozess spielt? Im letzten Jahrzehnt sind
die Stimmen lauter geworden, die einen postkolonialen und
post-development Blick auf die sog. Entwicklungszusammenarbeit (EZ)
fordern und diese grundlegend hinterfragen.

• Ist „Entwicklungshilfe“ eine Fortsetzung des Kolonialismus mit
anderen Mitteln und sollte komplett abgeschafft werden?
• Welche Macht- und Herrschaftsstrukturen dominieren den
Entwicklungsdiskurs?
• Inwieweit spielt Rassismus auf einer individuellen und strukturellen
Ebene eine Rolle dabei?
• Wie sehen die Menschen in den Partnerländern des Globalen Südens
die sog. Entwicklungszusammenarbeit?
• Gibt es auch positive Ansätze einer kritischen Auseinandersetzung
innerhalb der EZ-Organisationen und dementsprechende Änderungen in
Partnerschafts-, Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit,
Organisationsstruktur, Haltungen und Einstellungen der Mitarbeitenden?

Im Vortrag wird die Referentin auf diese und weitere Fragen eingehen und
lädt im Anschluss zu Diskussion und Austausch von Erfahrungen ein.

Die Referentin Angelika Heller war selbst viele Jahre in der sog.
Entwicklungszusammenarbeit tätig. Schon während dieser Zeit begann sie
sich kritisch mit diesem Arbeitsfeld auseinander zu setzen. Heute
arbeitet sie als freiberufliche Trainerin zu Themen von Rassismus,
Flucht und Migration, globalem und transkulturellem Lernen.

_Moderiert wird die Veranstaltung von Teresa Gärtner (decolonize
Jena!)._

Den Link zur Online-Veranstaltung findet ihr hier:
https://www.facebook.com/events/1024947627947747/

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01.12. Kulturelle Aneignung – kultivierte Aufregung – Tsepo
Bollwinkel

Kulturelle Aneignung ist ein Aufreger. Viele Gefühle sind im Spiel –
und noch mehr gesellschaftliche Machtverhältnisse.
Für den Vortragenden ist diese Aufregung zwar relevant, aber nur ein
Nebenschauplatz eines viel größeren Zusammenhanges, der viel zu selten
in den Diskursen vorkommt. Denn Aneignung – und
Enteignung – durchzieht das gesamte Verhältnis von Globalem Norden
und Globalem Süden, von Kolonisator*innen und Kolonisierten, von
weißen und nicht weißen Menschen. Der Vortrag wird Aneignung und
Enteignung als ein Grundprinzip von Rassismus erklären, versuchen
kulturelle Aneignung zu definieren, die gängigen Debatten dazu aus
rassismuskritischer Sicht kommentieren und die Frage stellen, zu welchen
Zwecken die Aufregung um die kulturelle
Aneignung so ausgiebig kultiviert wird.

Disclaimer: Der Vortragende wird sich konsequent weigern, Anwesenden
ihre Entscheidungen zu Haartracht, Kleidung, Essgewohnheiten,
Freizeitaktivitäten oder Ähnlichem abzunehmen.

Tsepo Bollwinkel denkt, forscht, schreibt und spricht zu Schwarzen
Identitäten, weißsein und Rassismus, Intersektionalität, Empowerment
und SOGI (sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten) in
internationalen Zusammenhängen.
Er ist u. a. Beirat in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland
(ISD).

_Moderiert wird die Veranstaltung von Moana Wilmot (Mitglied im
bundesweiten decolonize-Netzwerks und bei der Initiative Schwarzer
Menschen in Deutschland (ISD))._

Den Link zur Online-Veranstaltung findet ihr hier:
https://www.facebook.com/events/695171584423383/

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08.12. Rassismus in der Bildung – Şeyda Kurt

Im Juli 2018 erregte in den sozialen Medien der Hashtag #metwo [1]
Aufmerksamkeit: Menschen mit Einwanderungsgeschichte berichteten von
ihren Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland. Auffällig war, dass
sich viele dieser Geschichten im schulischen Kontext abspielten.
Lehrende sprachen etwa guten Schüler*innen Hauptschulempfehlungen aus,
weil sie sich angeblich als „Ausländer“ dort wohler fühlen
würden.
Rassismus an Schulen ist ein ernsthaftes Problem und in einem
mehrgliedrigen Bildungssystem, das zum Vorteil nur weniger Menschen
funktioniert, strukturell verankert. In diesem Vortrag geht es darum,
rassistische Mechanismen im Bildungssystem aufzudröseln und die Frage
zu stellen: Was muss sich ändern?

Şeyda Kurt ist freie Autorin für Print, Online und Hörfunk.
Sie schreibt unter anderem für die taz und den Zeitverlag. Außerdem
arbeitet sie als Moderatorin und gibt Workshops.

_Moderiert wird die Veranstaltung von Mirjam Elomda (Initiative
Schwarzer Menschen in Deutschland, ISD)._

Den Link zur Online-Veranstaltung findet ihr hier:
https://www.facebook.com/events/340116983946628/

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15.12. Rassismus im/und Feminismus – Dr. Natasha A. Kelly

„Wer nicht anti-rassistisch ist, kann nicht feministisch sein!“, so
die akademische Aktivistin und Künstlerin Dr. Natasha A. Kelly. Denn
Feministinnen müssten sich für die Rechte aller Frauen* einsetzen und
nicht nur für das Weiterkommen der eigenen Gruppe. In ihrem Vortrag
wird die Schwarze Feministin dem Rassismus in der deutschen
Frauen*bewegung auf den Grund gehen und aufzeigen, inwieweit weiße
Frauen* den Feminismus für sich vereinnahmt haben, inwieweit er zur
Unterdrückung von Schwarzen Männern führt und wie wir uns aus dieser
Falle befreien können.

Eine Schwarze Feministin war Dr. Natasha A. Kelly in der Praxis schon
immer, die Theorie kam später durch ihre wissenschaftliche Mitarbeit am
Gender Institut der Humboldt-Universität hinzu. Heute ist sie in
diversen frauen*politischen Kontexten aktiv, zuletzt als Filmemacherin
des preisgekrönten Dokumentarfilms „Millis Erwachen“. 2019 gab sie
„Schwarzer Feminismus“ die Übersetzung bedeutender Grundlagentexte
im Unrast Verlag heraus.

_Moderiert wird die Veranstaltung von Maresa Pinto (decolonize Jena!)._

Den Link zur Online-Veranstaltung findet ihr hier:
https://www.facebook.com/events/925552524642675/




Links:
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[1] https://www.facebook.com/hashtag/metwo?__eep__=6
[2] https://go.microsoft.com/fwlink/?LinkId=550986

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