Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel

Seit dem Wintersemester 2014/15 hat Stephan Lessenich die Professur für Politische Soziologie sozialer Ungleichheit inne. Hier finden Sie einige allgemeine Informationen über die Arbeit des damaligen Arbeitsbereichs "Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel".

Sie erreichen Herrn Prof. Dr. Lessenich unter folgender Mailadresse: stephan.lessenich@soziologie.uni-muenchen.de

Für Nachfragen allgemeiner Art wenden Sie sich bitte an den nachfolgend angegeben Kontakt.

Ehemalige Professur Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel
Raum 284
Carl-Zeiss-Straße 3
07743 Jena
Telefon
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Öffnungszeiten:
Mo bis Do 14-16 Uhr

Forschungsprojekte der ehemaligen Professur "Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel"

Alter(n) als Zukunft. Zukunftsbezogenes Alternshandeln in kulturvergleichender Perspektive Inhalt einblenden

Frieder R. Lang (Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Psychogerontologie), Klaus Rothermund (Universität Jena, Institut für Psychologie) und Stephan Lessenich (Universität Jena, Institut für Soziologie)
Förderinstitution: Volkswagen-Stiftung
Laufzeit: 3 Jahre

Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften Inhalt einblenden

Projektleitung: Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa
Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit: 4 Jahre

Die Kolleg-Forscher(innen)gruppe soll die Wechselbeziehungen zwischen dynamischer Selbststabilisierung und den Legitimationsmechanismen moderner Gesellschaften analysieren. In dem auf acht Jahre angelegten Forschungsprogramm werden folgende vier Leitfragen bearbeitet: Was bedeutet der Übergang zu Nicht-Wachstum für die Organisation gesellschaftlicher Arbeit und die Funktion sozialer Konflikte? Kann die Abkehr vom Wachstumsparadigma mit einem Zugewinn an Lebensqualität für gesellschaftliche Mehrheiten einhergehen? Was impliziert der Übergang zu Nicht-Wachstum für die Struktur sozialer Ungleichheit, für sozialpolitische Interessenlagen und die Regulationsfähigkeit entwickelter Wohlfahrtsstaaten? Und nicht zuletzt: Kann der Übergang zu Post-Wachstumsgesellschaften demokratisch bewältigt werden?

Vom "verdienten Ruhestand" zum "Alterskraftunternehmer"? Bilder und Praktiken des Alter(n)s in der aktivgesellschaftlichen Transformation des deutschen Sozialstaats nach der Vereinigung Inhalt einblenden

Silke van Dyk und Stephan Lessenich im Rahmen des SFB 580
Laufzeit: 01.07.2008-30.06.2012

Das Projekt untersucht den gesellschaft­lichen (Be-)Deutungs­wandel des "dritten Lebens­alters" im Zeichen des demographischen und wohlfahrtsstaatlichen Wandels nach 1989/90. Die systematische Analyse politisch-medialer Diskurse soll zunächst die Frage klären, in welcher Weise "das Alter" mit neuen Vorstellungen und Erwartungen von Aktivität und Pro­duktivität verbunden wird. In einem zweiten Schritt wird auf der Grundlage von Interviews im Ost­-West-Vergleich erforscht, ob und inwiefern die Subjekte entspre­chen­de Altersbilder in ihren Selbstdeutungen und Alltagspraktiken aufnehmen, reflektieren und verarbeiten. Die leitende Hypothese lautet, dass auch 20 Jahre nach dem System­umbruch im inner­deutschen Vergleich bedeutsame Unterschiede der sozialen Konstruktion des "Alters" zu erwarten sind.

Das geplante Projekt fragt im innerdeutschen Ost-West-Vergleich nach dem gesellschaft­lichen (Be-)Deutungs­wandel des "dritten Lebensalters" im Zeichen des demographischen Umbruchs und aktueller wohlfahrtsstaatlicher Transformationsprozesse. Die Anlage des Pro­jekts basiert auf der Vermutung, dass der gegenwärtig sich vollziehende Umbau des Sozial­staats in "aktivierender" Absicht auch das "dritte Lebensalter" mit neuartigen programma­tischen und institutionellen Anfor­derungen konfrontiert. Anhand der systematischen Analyse politisch-medialer Diskurse wird deshalb zunächst untersucht, inwieweit und in welcher Weise "das Alter" im öffentlichen Raum mit neuen gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen von Aktivität und Produktivität verbunden wird. Darauf aufbauend wird sodann danach gefragt, ob und inwiefern die Subjekte - vornehmlich also "die Alten" selbst - entsprechende Vorstellungen und Erwartungen in ihren Selbstdeutungen und Alltagspraktiken aufnehmen, reflektieren und verarbeiten. Die Selbstbeschreibungen der Subjekte werden dabei einerseits im Hinblick auf ihre Korrespondenz mit dem analysierten Altersdiskurs untersucht, andererseits mit den nach Aktivitätsdimensionen differenzierten, effektiven Tätig­keitsmustern der Befragten kontrastiert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht somit die Frage nach der sozialen Akzeptanz bzw. nach dem - möglichen und tatsächlichen - gesellschaftlichen "Erfolg" der vermuteten Neuverhandlung des dritten Lebensalters.

In dieser Hinsicht vermuten wir einerseits, systematische Differenzen zwischen West- und Ostdeutschland finden zu können. Während bei der älteren Generation im Westen - wenn auch mit signifikanten geschlechtsspezifischen und sozialstrukturellen Abweichungen - von der kulturellen Prägekraft der Institutionalisierung des "Ruhestands" im bundesdeutschen Sozialstaat auszugehen ist, vermuten wir für die älteren Menschen im Osten angesichts ihrer Erfahrungen mit Formen staatlich organisierter Altersaktivität in der DDR sowie mit der sozialpolitischen Frühverrentungspraxis westdeutschen Musters in den Jahren nach der "Wende" durchaus ambivalente Dispositionen gegenüber aktivgesellschaftlichen Anrufungen. Andererseits wollen wir der Frage nachgehen, ob sich die soziale Akzeptanz aktivischer Altersbilder eher bei jüngeren als bei älteren Menschen herstellt - und die Erfolgsaussichten einer alterspolitischen Aktivierungsprogrammatik daher womöglich im Zeitverlauf zunehmen. In Ergänzung des Ost-West-Vergleichs planen wir demgemäß einen Kohortenvergleich, bei dem neben nicht-(mehr-)erwerbstätigen 60- bis 70-Jährigen auch 40- bis 50-jährige Angehörige der "Babyboomer"-Generation befragt werden.

Die Anlage des Teilprojekts fügt sich ein in die übergreifende, die Forschungen des SFB 580 in seiner dritten Förderungsphase anleitende Frage nach dem Umgang institutioneller und individueller Akteure im Osten und Westen Deutschlands mit zwar immer noch, mittlerweile aber nur mehr mittelbar und vermittelt transformationsbedingten Herausforderungen "zweiter Ordnung". Es schließt, gemeinsam mit den Teilprojekten C5 und (in der neuen Förderungs­phase) C6, mit seinem Blick auf die Nacherwerbsphase die bisherige Forschungslücke des SFB am "oberen Ende" des Lebenslaufs sozialer Akteure. Zudem bildet es, mit seinen Fragen nach dem Umgang der Akteure mit gestiegenen Anforderungen an individuelle Selbst­steuerung im Transformations­prozess sowie nach dem Zusammenspiel der reflexiven Selbst­deutungen der Subjekte mit ihren vorbewusst-latenten Habitualisierungen, einen inhaltlichen und methodischen Forschungs-"Cluster" mit den diesbezüglich ähnlich gelagerten Teilpro­jekten B9, C3 und C4.

Zonen des Übergangs. Dimensionen und Deutungsmuster des Alterns bei jungen, älteren und alten Menschen Inhalt einblenden

Stephan Lessenich, Silke van Dyk, Stefanie Graefe, Evelyn Hochheim. Gemeinsames VW-Projekt mit Karena Leppert, Ulrich Otto, Klaus Rothermund, Bernhard Strauß
Laufzeit: 15.11.2008 - 14.11.2011

Im Zeichen der sich ankündigenden altersstrukturellen Umbrüche in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften und des aktuellen "aktivierenden" Umbaus des Sozialstaats vollzieht sich eine gesellschaftliche Neuverhandlung des Alters und der Rolle der Alten. Die "Entdeckung" des jungen, aktiven und produktiven Alters impliziert eine verschärfte Abgrenzung desselben zum (in der individuellen Biographie "nach hinten" verschobenen) alten, abhängigen und pflegebedürftigen Alter und führt so zu einer mit stark gegensätzlichen Bildern, Zuschreibungen und Erwartungen verbundenen "Zweiteilung" des Alters. Ziel des geplanten Projektes ist es, die gängigen Vorstellungen und Grenzziehungen des "dritten" und "vierten" Lebensalters mit den empirisch vorfindbaren, subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen von Altersübergängen zu kontrastieren.

Die Befragung junger, älterer und alter Menschen soll Aufschluss geben über (a) die individuellen und sozialstrukturellen Prägungen von subjektiven Vorstellungen des Übergangs ins höhere bzw. hohe Alter, (b) die für die subjektive Deutung der Übergänge relevanten Erfahrungsbereiche des Alterns und (c) die Dynamiken der Veränderung subjektiver Alters- und Altersübergangsbilder. Wir erwarten, statt klarer Altersgrenzen identifizierbare "Zonen des Übergangs" in den subjektiven Konstruktionen der Betroffenen ausmachen zu können. Dabei erlaubt es die Einbeziehung auch jüngerer Menschen - der so genannten Babyboomer als "zukünftig Alte" - in die Untersuchung, deren alternsbezogene Erwartungen mit den Übergangserfahrungen älterer Kohorten in Beziehung zu setzen und somit die subjektiven Perspektiven des "Alt-Seins" und "Alt-Werdens" systematisch miteinander zu verschränken. Diese Anlage des Forschungsvorhabens soll es ermöglichen, wissenschaftlich relevante Erkenntnisse zu gewinnen, die zugleich von hohem Wert für die zukünftige politisch-soziale Gestaltung des Alters und Alterns sind: Sie bieten Anknüpfungspunkte für gestaltende Interventionen an dessen "unteren" Ende (mit Blick auf die Einmündung der großen Babyboomer-Kohorten in das höhere Alter) ebenso wie an seinem "oberen" Rand (mit dem Ziel einer gelungenen Lebensführung der nicht bzw. nicht mehr aktiven und autonomen Alten).

Die Durchführung des Projekts erfolgt durch eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die Expertise auf dem Gebiet der soziologischen, psychologischen, psychosozialen und sozialpädagogischen Altersforschung in sich vereint. Diese Zusammensetzung der Projektgruppe erlaubt es, empirisch (a) ein breites Feld von Dimensionen der subjektiven Alternserfahrung (über die "klassischen" Bereiche von Erwerbsarbeit und Gesundheit hinaus auch jene von Körper, Konsum, nicht-erwerbsförmigen Tätigkeiten und sozialen Netzwerken) sowie (b) die subjektiven Altersbilder von jüngeren, älteren und hochaltrigen Menschen (Geburtskohorten 1960-1970, 1940-1950 und 1920-1930) gleichermaßen in den Blick zu nehmen und aufeinander zu beziehen. Zugleich ist es dadurch möglich, ein dem Untersuchungsgegenstand angemessenes Mehrmethodendesign anzuwenden. So sollen bei insgesamt ca. 100 Probanden und Probandinnen zum einen problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews mit biographisch-narrativen Bestandteilen geführt werden und zum anderen standardisierte Instrumente zur Erhebung von Altersstereotypen und Resilienz der Befragten zum Einsatz kommen. Durch diese Methodenkombination sowie durch eine besondere Sorgfalt bei der Entwicklung und iterativen Verbesserung der Erhebungsinstrumente erwarten wir ebenso wissenschaftlich innovative wie gesellschaftspolitisch relevante Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Neubestimmung des Alters aus der Sicht der Betroffenen gewinnen zu können.

Zur Konstruktion des produktiven und aktiven Alters. Theoretische Perspektiven auf die Neuverhandlung einer Lebensphase Inhalt einblenden

Habilitationsprojekt von Silke van Dyk
Bearbeitungszeitraum: ab Herbst 2007

Ziel des Habilitationsprojektes ist es, die Analyse der in den Industrienationen populären "Neu-Verhandlung des Alters als aktives und produktives Alter", die sich an der Schnittstelle von Alterssoziologie und Wohlfahrtsstaats- bzw. sozialer Aktivierungsforschung bewegt, theoretisch zu fundieren. Hintergrund dieses Projektes ist eine weitgehende theoretische Abstinenz der deutschsprachigen Gerontologie, die in einer Entproblematisierung der Altersaktivierung als 'win-win-Situation' mündet sowie eine Analyse aktivgesellschaftlicher Mobilisierung, die allein auf die erwerbsfähige Bevölkerung fokussiert.

Im Sinne eines Theorieimports wird zum einen auf theoretische Ansätze aus der angelsächsischen Gerontologie zurückgegriffen, die im deutschsprachigen Raum bislang kaum rezepiert werden. Zu nennen sind hier insbesondere die Political Economy of Ageing, die Cultural Gerontology, die Foucauldian Gerontology, postmodern konturierte Analysen zu Körper und Konsum sowie Ansätze aus der feministischen Gerontologie. Gemeinsam ist diesen so unterschiedlichen theoretischen Ansätzen, dass sie entgegen des gerontologischen Mainstreams nicht auf bio-medizinische Modelle und die individuelle Bewältigung des Alters fokussieren, sondern sich den Prinzipien seiner individuellen und gesellschaftlichen Konstruktion zuwenden. Hier liegt theoretisches Potential, um den Konstruktionsprozess des aktiven und produktiven Alters in seinen unterschiedlichen Dimensionen, Implikationen und Kontexten zu erfassen. Zum anderen sollen theoretische Perspektiven der kritischen Aktivierungsforschung - so insbesondere arbeitssoziologische Ansätze zu Subjektivierung sowie gouvernementalitätstheoretische Analysen im Anschluss an Foucault - für die Analyse der Altersaktivierung nutzbar gemacht werden. Es wird darum gehen, die von diesen Ansätzen (in unterschiedlicher Weise) herausgearbeitete Ambivalenz von Ermöglichung und Disziplinierung, von Autonomie und 'Zurichtung' für das spezifische Feld der Altersaktivierung neu zu diskutieren und empirisch zu schärfen. In diesem Zusammenhang wird auch zu klären sein, inwiefern und unter welchen (theoretischen) Bedingungen die Altersaktivierung in die 'allgemeine' Aktivierungsforschung zu integrieren ist. Von zentraler Bedeutung ist hier die Frage, ob und inwiefern die starke Verankerung eines defizitorientierten Altersbildes, das sich nicht zuletzt in einer alltäglichen wie strukturellen Altenfeindlichkeit materialisiert, neue Perspektiven auf die skizzierte Ambivalenz eröffnet - wird Aktivität doch als Gegenmodell zur Defizitperspektive diskutiert und wahrgenommen.

Und nicht zuletzt bietet die theoretische Geschlechterforschung zahlreiche - und von wenigen Ausnahmen bislang weitgehend ungenutzte - Anknüpfungspunkte für eine theoretische Fundierung der Neuverhandlung des Alters. Die Debatten um Gleichheit und Differenz, die Sensibilisierung für einen strukturellen Androzentrismus, Ansätze zur Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit sowie Analysen zu Sexismus und Geschlechterhierarchien sind in hohem Maße instruktiv, ohne dass damit eine 'analoge' Anwendung angedacht oder präjudiziert wäre. Angestrebt ist vielmehr eine theoretische Re-Formulierung von Ansätzen und Konzepten im Lichte der Analyse des (aktiven) Alters.

In diesem Sinne wird es im Rahmen des Projektes nicht allein um einen 'Theorieimport' seitens der Alterssoziologie gehen, sondern auch um die Frage, inwiefern die soziologische Altersforschung zu 'exportieren' in der Lage ist, inwiefern sie also zur Theoriebildung in der 'allgemeinen' Soziologie beitragen kann. Dies ist bislang - wie Martin Kohli zu Recht moniert - nicht der Fall, wobei auch hier gilt, dass (wenige) Ausnahmen die Regel bestätigen. Angedacht ist in diesem Zusammenhang insbesondere eine theoretische Neujustierung der Diskussionen um Gleichheit und Differenz: Die Tatsache, dass das Alter - im Gegensatz zum konkreten Geschlecht - zuverlässig von allen Menschen 'durchlaufen' wird und dass die Maximen eines aktiven und produktiven Alters der mittleren Lebensphase entliehen sind, dürfte neue Anregungen für diese Debatte liefern. Weiterhin kann und soll das Projekt einen Beitrag zur Intersektionalitätsforschung leisten, im Rahmen derer das Alter bislang - insbesondere im Vergleich zu den Kategorien Gender und Ethnizität - theoretisch wie empirisch vernachlässigt wird. Und schließlich ist geplant, am Beispiel der Verdrängung der Todesnähe durch die Konstruktion eines aktiven und produktiven Alters Anschlussstellen einer sozialkonstruktivistischen Forschung an die Sozialanthropologie auszuloten.

Das Grundeinkommen in der gesellschaftspolitischen Debatte Inhalt einblenden

Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Stephan Lessenich sozioökonomischen Konstellation strukturell verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit, flexibilisierter Beschäftigungsverhältnisse und zunehmender Unsicherheit der Existenzsicherung widerspiegeln, haben in jüngster Zeit einer alten Idee neuen Auftrieb gegeben: der Idee des Grundeinkommens. In dem Maße, wie die Notwendigkeit eines nachhaltigen Umbaus des sozialstaatlichen Arrangements der Nachkriegszeit unabweisbar geworden und zugleich die gesellschaftliche Akzeptanz innovativer Vorschläge einer Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme gestiegen ist, wurde die Grundeinkommensidee in der öffentlichen politischen Debatte wiederbelebt. In ihrer neueren Geschichte ein Kind liberaler Ökonomen, das in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von libertären Sozialwissenschaftler(inne)n adoptiert und "resozialisiert" wurde, ist diese Idee hierzulande in den vergangenen Jahren auch von ehedem undenkbaren (und systemüberwindender Sehnsüchte unverdächtigen) Protagonisten wie Ministerpräsidenten und Unternehmern lanciert worden. Die Idee des Grundeinkommens hat dadurch eine neuartige gesellschaftliche Prominenz erlangt - ohne dass das souveräne Publikum demokratischer Politik wüsste, was sich hinter ihr (und ihren verschiedenen Varianten) "wirklich" verbirgt.

Die Expertise soll dazu beitragen, die Debatte um das Grundeinkommen in strukturierte und damit gesellschaftspolitisch produktive Bahnen zu lenken. Es wird zum einen darum gehen, das wissenschaftlich-politische Feld einer im Prinzip einfachen Idee - eines jedem Mitglied des politischen Gemeinwesens bedingungslos, d.h. unabhängig von Arbeitsleistung, Bedürftigkeitsprüfung oder Haushaltskonstellation, zu gewährenden Einkommens - theoretisch abzustecken und, mit Blick auf verschiedene Varianten der Idee, in seiner rasch zu Tage tretenden konzeptionellen Komplexität zu vermessen. Zum anderen sollen die Grundeinkommensidee und deren Variationen in Beziehung gesetzt werden zur Konzeption des "vorsorgenden Sozialstaats", wie sie derzeit von der Sozialdemokratie als zukunftsweisendes Konzept sozialpolitischer Gestaltung diskutiert wird.

Die Grundidee der Expertise und des zu ihr führenden Diskussionsprozesses ist das dialogische Prinzip: Es wird darum gehen, Personen und deren Positionen - "real" im Rahmen von Workshops und "virtuell" in Form von Texten - in systematischer Form miteinander kommunizieren zu lassen. An der Schnittstelle von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik soll es auf diese Weise möglich werden, wissenschaftliche Wissensbestände zu sichern, politische Kontroversen auszutragen und wissenschaftlich-politische Konzeptionen fortzuentwickeln.

Netzwerk Altersforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Inhalt einblenden

Im Netzwerk Altersforschung an der FSU, dessen Koordination dem Arbeitsbereich 'Gesellschaftsvergleich und sozialer Wandel' obliegt, sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus zahlreichen Disziplinen zusammengeschlossen, die sich mit den Themenkomplexen Alter, Altern und demografischer Wandel beschäftigen. Das disziplinäre Spektrum reicht von der Soziologie, Politik- und Erziehungswissenschaft über die Volkskunde, angewandte Ethik, Altertumswissenschaft, Geographie, Psychologie, psychosoziale Medizin, Sportmedizin bis hin zur Theologie und Gerontopsychiatrie. Im Sommersemester 2007 und im Wintersemester 2007/2008 hat das Netzwerk, das sich als interdisziplinäres Forschungsnetzwerk versteht, eine zweisemestrige Ringvorlesung "Alter(n) und Gesellschaft" organisiert, im Rahmen derer alter(n)sbezogene Forschungsperspektiven und -ergebnisse einer größeren Öffentlichkeit präsentiert wurden. Aktuell wird im Kontext des Netzwerks die Durchführung einer interdisziplinären 'Thüringer Altersstudie' erwogen und diskutiert.

Kontinuitäten und Brüche - Tabuisierung und Aufarbeitung 1922 - 1934 - 2008: Soziologische Wissenschaftsgeschichte aus der Jenaer Perspektive Inhalt einblenden

Silke van Dyk, Stephan Lessenich
gefördert durch Prof. Dr. Jan Phillip Reemtsma/Hamburger Institut für Sozialforschung
Laufzeit: April bis Oktober 2008

Obwohl das Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena als gastgebende Institution des 34. Soziologiekongresses im Herbst 2008 jungen Datums ist und erst 1991 gegründet wurde, ist Jena in die Fachgeschichte eingegangen: Zum einen fand hier 1922 der dritte Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie statt, anlässlich dessen über das Thema "Das Wesen der Revolution" diskutiert wurde. Vor allem aber ist Jena der Ort, an dem im Januar 1934 ein zwar nicht von der DGS autorisiertes, gleichwohl von vielen DGS-Mitgliedern besuchtes, dem nationalsozialistischen System gegenüber dezidiert aufgeschlossenes Soziologentreffen stattgefunden hat. Die Diskussionen rund um dieses Treffen wiederum sind exemplarisch für die Rolle, die die Soziologie im Allgemeinen und die DGS im Besonderen im Nationalsozialismus gespielt haben. Diesen Umstand haben die Projektleiter mit Unterstützung von Prof. Dr. Jan Phillip Reemtsma und des Hamburger Instituts für Sozialforschung zum Anlass genommen, die Geschichte der Soziologie im Kontext der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus in Form einer Ausstellung, einer Videoinstallation sowie einer bearbeiteten Neuauflage der Verhandlungen von 1922 zum Kongressthema zu machen. Im Zentrum des historischen Programms stehen die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der inhaltlichen Diskussionen der 1920er Jahre, die Frage nach inhaltlichen, institutionellen und personellen Kontinuitäten und Brüchen im Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus und vom Nationalsozialismus zur Nachkriegssoziologie in Ost und West sowie die (Nicht-)Aufarbeitung bzw. Rezeption dieser Geschichte nach 1945. Über diese Fragen wurde und wird äußerst kontrovers und heftig gestritten. Tatsächlich ist so Manches bis heute im Unklaren und harrt weiterer Recherchen und Analysen. Die Zahl der WissenschaftlerInnen, die sich mit der Geschichte des Faches beschäftigen bzw. sich in dieser Kontroverse zu Wort gemeldet haben, ist klein geblieben über die Jahre, so dass ein Soziologiekongress als geeigneter Ort erscheint, die Geschichte sowie ihre Rezeption und Deutung einem größeren Publikum nahe zu bringen.

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