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Forschungsprojekt: Das zerstreute Gemeinwesen

Politische Semantik im Zeitalter des Sozialen

Das Projekt soll die Aussichten einer politischen Theorie klären, die ernst nimmt, was Ralf Dahrendorf in anderem Kontext die "ärgerliche Tatsache der Gesellschaft" ge­nannt hat. Wie kann man sinnvoll Auseinandersetzungen um allgemein verbindliche Entscheidun­gen und die Gestaltung des Gemeinsamen führen, wenn man anerkennt, dass sich soziale Ordnung typisch unin­tendiert und polyzentrisch, hinter dem Rücken der Akteure, im Wechselspiel partikularer Positionen und Perspektiven herstellt? Der Hintergrund und die Motivation dieser Frage sind geschichtlich datierbar: Zum einen steht erst seit etwa zweihundert Jahren ein Begriff von Gesellschaft zur Debatte, der nicht selbst politisch angelegt ist; zum anderen verstärkt die anhaltende Krise von National- und Wohlfahrts­staat die Skepsis gegenüber politischen Gestaltungsansprüchen insgesamt. Damit avan­ciert das inzwischen alltägliche soziologische und ökonomische Wissen zur weithin verbindlichen Beschreibung der Wirklich­keiten, in denen wir zusammenleben - während politische Geltungsansprüche sich zusehends auf bloß normative Prinzipien beschränken.


Unter diesen Bedingungen wird gefragt, was die Residuen politischer Semantik kennzeichnet, die in Alltagsdiskursen und Wissenschaft fortbestehen, vor allem aber geprüft, ob sie sich nicht doch zu einer glaubwürdigen Selbstbeschreibung der Gegenwartsgesellschaft verdichten lassen. Was hebt Auffassungen, die Verhältnisse des Zusammenlebens politisch artikulieren, von rechtlichen, ethischen, ökonomischen oder soziolo­gischen Thematisierungsweisen ab? Auf welche praktischen Grundprobleme lässt sie sich zurückbeziehen; wie haben sich diese ggf. verschoben? Zur Beantwortung werden (wissens-)soziolo­gische und politische Analysen durchgeführt, die das Zeitalter des Sozialen (ideen-)ge­schichtlich durchmessen - und mit den Instrumentarien politischer Philosophie und Sprachphilosophie aufarbeiten. Im Zentrum steht dabei der bei Marx wie Weber, Schmitt wie Foucault gleichermaßen relevante Gedanke, dass nicht nur Politik selbst, sondern auch politischer Symbolgebrauch zentral durch eine Logik des Konflikts bestimmt ist.


Bearbeitungszeitraum: voraussichtlich bis Ende 2011.