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inhaltliche ziele, forschungsprogramm

In den titelgebenden Konzepten des Promotionskollegs - der "Kontinuität" und "Diskontinuität" gesellschaftlicher Entwicklung - bündeln sich Fragen nach Zeit und Zeitlichkeit, "timing" und "sequencing", Geschwindigkeit und "durée" gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, die im Rahmen des Kollegs einerseits einer fundierten theoretischen Klärung, andererseits einer empirischen - historisch und insbesondere auch international vergleichenden - Analyse zugeführt werden. Paradigmatischer Hintergrund der Frage nach den (sich verändernden) Zeitstrukturen des Sozialen ist die mittlerweile prominente "Jenaer" These einer die moderne Gegenwartsgesellschaft bestimmenden Beschleunigung von Prozessen des sozialen Wandels im Übergang zur "Spätmoderne" (Hartmut Rosa). In theoretisch-konzeptioneller Nähe zu dieser These finden in Jena seit einigen Jahren breit rezipierte Forschungen etwa zur Flexibilisierung von Arbeitsmärkten und Beschäftigungsverhältnissen (Christoph Köhler), zur Veränderung von Produktionsregimen und Managementstrategien (Klaus Dörre), zum Wandel professionellen Handelns im sozialen Sektor (Bruno Hildenbrand), zum Austausch und zur Kontinuität sozialer, politischer und wirtschaftlicher Eliten (Heinrich Best) sowie zum Umbau des Sozialstaates und den sich verändernden Lebensführungsmustern seiner Klienten (Stephan Lessenich) statt, neuerdings auch zur Soziologie der Finanzmärkte (Stefanie Hiß) und der gesellschaftlichen Wissensordnungen (Tilman Reitz). Das Promotionskolleg trägt gezielt und systematisch zur Bündelung und Intensivierung dieser Forschungen bei und leistet deren Strukturierung unter der spezifischen Fragestellung, auf welche Weise und in welchen Zusammenhängen der beschleunigte soziale Wandel Phänomene der Kontinuität und Diskontinuität erzeugt, inwiefern er also Problemkonstellationen der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" von gesellschaftlicher, institutioneller und individueller Zeit schafft oder aber radikalisiert. 


Genauer betrachtet kann die Kollegsthematik in drei forschungsleitende Teilfragen ausdifferenziert werden: 


(1) Inwiefern ist der gegenwärtige, beschleunigte soziale Wandel durch Unterschiede, Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten in der Dynamik verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche gekennzeichnet (intersystemische Asynchronität)? So finden wir etwa deutliche Hinweise darauf, dass der rapide Wandel des Wirtschaftsystems Anforderungen an das Bildungs- und Erziehungssystem (von der frühkindlichen Erziehung über die Ganztagsschule bis zum "Bachelor") stellt, die zu erfüllen dieses nicht oder nicht hinreichend schnell oder aber - eben aufgrund des Wandlungstempos - nur unter der Produktion nicht beabsichtigter, womöglich negativer Konsequenzen in der Lage ist.


(2) Inwiefern ist der gegenwärtige, beschleunigte soziale Wandel durch Unterschiede, Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten in der Dynamik verschiedener institutioneller Arrangements innerhalb eines gesellschaftlichen Teilbereichs gekennzeichnet (intrasystemische Asynchronität)? So scheint es z. B. so zu sein, dass in der Reform des Hochschulwesens einige institutionelle Arrangements (wie etwa die universitäre Selbstverwaltung oder das Besoldungsrecht) grundlegend reformiert werden, andere hingegen (wie etwa Fakultäts- und Lehrstuhlstrukturen) unverändert bleiben, was womöglich insgesamt dysfunktional wirken, womöglich aber auch umgekehrt gerade den Gesamtfunktionszusammenhang stabilisierende Folgen haben kann. Schon dieses (nicht zufällig aus dem funktionalen und sozialen Nahbereich des Kollegs gewählte) Beispiel zeigt, wie wichtig derartige Temporalforschungen für eine zeitdiagnostisch interessierte Sozialwissenschaft sind.

 (3) Inwiefern ist der gegenwärtige, beschleunigte soziale Wandel durch Unterschiede, Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten in der Dynamik institutioneller Strukturen einerseits und den Veränderungen individueller Handlungsdispositionen und Praxismuster andererseits gekennzeichnet (transsystemische Asynchronität)? So ist etwa davon auszugehen, dass sich unter den Bedingungen flexibilisierter Märkte bestimmte Individuen oder Gruppen besser als andere an veränderte institutionelle Rahmenbedingungen anzupassen vermögen - und dass hier insgesamt die Veränderung individueller Handlungsmuster und sozialer Habitusformen dem Wandel des institutionellen Rahmens hinterherhinkt. In anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen ist indessen das genaue Gegenteil zu beobachten: innovative Subjekte treffen auf träge Institutionen. Hier ist die sozialwissenschaftliche Forschung aufgefordert, die Mechanismen, Bedingungen und Hindernisse der Synchronisierung individueller und kollektiver Zeitmuster genauer zu spezifizieren. 


Auf einen systematischen Nenner gebracht, geht es bei der Frage nach den Zeitstrukturen des Sozialen folglich im Kern um die gesellschaftliche Problematik der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" - um die Diagnose von Asynchronitäten sozialen Wandels einerseits, die Analyse der Bedingungen seiner erfolgreichen Synchronisation und die Effekte ihres Ausbleibens andererseits. Theoretisch ist jedenfalls ebenso gut denkbar, dass kontrastierende und konkurrierende Dynamiken des Wandels zu sozialen Verwerfungen, institutionellen Dysfunktionen und individuellem Leid führen, wie umgekehrt durchaus auch die Annahme theoretisch plausibel erscheint, dass Trägheit und Dauerhaftigkeit (sprich: Stabilität) gesellschaftlich das funktionale Gegenstück zu Hektik und Kurzatmigkeit (sprich: Wandel) darstellen. Die Gegenstandsbereiche einer Untersuchung der Zeitstrukturen des Sozialen - und also des Wechselspiels von Kontinuität und Diskontinuität, Beharrung und Veränderung - sind dabei ebenso vielfältig wie die denkbaren methodischen Herangehensweisen. In jedem Fall kann das Promotionskolleg jedoch wesentlich an die bestehende, insbesondere am Institut für Soziologie sowie im SFB 580 versammelte inhaltliche und methodische Expertise zur prozessbegleitenden Erforschung gesellschaftlicher Umbrüche anknüpfen. In der Analyse von Zeitstrukturen verknüpft es konsequent theoretische und empirische Zugänge miteinander und wendet dabei die Methoden der quantitativen wie qualitativen Sozialforschung an. Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Untersuchung von Statik und Dynamik im Umbau des Sozialstaates, auf synchronen und asynchronen Veränderungsprozessen in den Arbeits(markt)- und Beschäftigungsverhältnissen, auf Stabilität und Wandel in den Familienverhältnissen und der Familie als kulturellem Stabilisierungsfaktor dynamischer Sozialwesen, auf der Analyse der Zeithorizonte von "Eliten" und "Massen" im historischen und interkulturellen Vergleich, auf den Ungleichzeitigkeiten der Zeithorizonte von Finanzmärkten und einer sozial-ökologisch nachhaltigen Entwicklung sowie auf einer Wissenssoziologie von Zeit und Zeitlichkeit im gesellschaftlichen Wandel.

einbettung in die universitären forschungsschwerpunkte

Das Promotionskolleg "Zeitstrukturen des Sozialen" ist die institutionelle Grundlage und organisatorische Keimzelle einer dauerhaften, strategischen Nachwuchsförderung im disziplinären Kernbereich der Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Es knüpft zum einen inhaltlich an die Ausbildung im Bachelor- und Masterstudiengang Soziologie (mit seinen Schwerpunktbildungen "Arbeit - Wohlfahrt - Profession" und "Sozialer Wandel und soziologische Zeitdiagnose") sowie an das Lehrprogramm des interdisziplinären (von Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Angewandter Ethik betriebenen) Masterstudiengangs Gesellschaftstheorie an. Mit der Etablierung der Graduierten-Akademie an der Friedrich-Schiller-Universität ist nunmehr zum anderen ein organisatorisches Dach geschaffen worden, das die Qualität und Nachhaltigkeit der Nachwuchsförderung in den einzelnen Fachdisziplinen rahmt und fördert. Die Soziologie stellt hier - neben der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften - eine der drei Säulen der durch das Land Thüringen geförderten Graduate School "Human Behaviour in Social and Economic Change" dar. Mit dem Promotionskolleg "Zeitstrukturen des Sozialen" verfügt die Soziologie - in enger Kooperation mit benachbarten Disziplinen - über den institutionalisierten "Mittelbau" eines strukturierten Programms zur Graduiertenausbildung und stellt auf diese Weise die sozialwissenschaftliche Nachwuchsförderung an der Friedrich-Schiller-Universität auf ein breites und strukturiertes Fundament.


Die Absolvent/innen des Promotionskollegs werden eine spezifische - und in dieser Weise bundesweit einzigartige - Qualifikation der Kombination von Kompetenzen der theoretischen und empirischen Analyse der sozialen Wandlungsprozesse der Gegenwart erwerben, wobei sie von der Einbettung ihrer Einzelforschungen in die strikt interdisziplinär angelegten Forschungszusammenhänge an der Friedrich-Schiller-Universität (SFB 580, GSBC, Laboratorium Aufklärung, JenZiG) profitieren werden. Diese Forschungsverbünde wiederum werden ihrerseits den langfristigen Gewinn haben, mit Blick auf die großen Strukturvorhaben der Zukunft im Bereich geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung an der FSU (Beantragung eines neuen DFG-Sonderforschungsbereichs sowie eines Exzellenzclusters im Rahmen der nächsten Bundesexzellenzinitative) durch das Promotionskolleg über einen institutionalisierten Rekrutierungsweg junger wissenschaftlicher Expert/innen in der prozessbegleitenden Analyse sozialen Wandels zu verfügen.


Mit der Frage nach der Bedeutung unterschiedlicher Tempi, Terminierungen und Zeithorizonte sozialer Prozesse für den Wandel moderner Gesellschaften schließt das Promotionskolleg nicht nur den Kreis der hier verhandelten Forschungsinitiativen, sondern zudem auch an bereits bestehende Forschungsprogramme der Friedrich-Schiller-Universität an, zu deren weitergehender Integration es in idealer Weise geeignet ist. Zum einen ist in diesem Zusammenhang der SFB 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" zu nennen; hier sind u. a. äußerst wertvolle, in Struktur und Umfang einzigartige Datenbestände zum sozialen Wandel in Transformationsgesellschaften angelegt worden, die einzelnen Forschungsvorhaben im Promotionskolleg als hervorragende Grundlage weiterführender Sekundäranalysen dienen können. Zum anderen thematisiert das Promotionskolleg einen bedeutsamen inhaltlichen Teilaspekt des Forschungsschwerpunktes "Menschen im sozialen Wandel" der FSU und fügt sich damit nahtlos in die Forschungslinie der bereits etablierten Graduate School "Human Behaviour in Social and Economic Change" (GSBC) ein. Zudem berührt die Frage nach den Zeitstrukturen des Sozialen erkennbar auch die Problematik der gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen des demographischen Wandels, die im Mittelpunkt der Erforschung "Kultureller Kontexte des Alterns" an der Friedrich-Schiller-Universität steht. Schließlich ist das Promotionskolleg so angelegt, dass seine Untersuchungen der Zeitstrukturen aktuellen sozialen Wandels komplementär zu den im Forschungszentrum "Laboratorium Aufklärung" unternommenen (vergleichenden) Analysen der Umbruchsphasen des "langen 18. Jahrhunderts" angelegt sind, so dass die dort beabsichtigte forschungsanalytische Parallelisierung von 18. und 21. Jahrhundert unmittelbar unterstützt wird.