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Was ist soziologische Theorie? Soziologie ist die Lehre von den sozialen Bedingungen und Folgen des menschlichen Handelns einerseits und von den Strukturen, Prozessen und Entwicklungen gesellschaftlicher Formationen andererseits. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen diesen beiden Seiten - menschliches Handeln und soziale Strukturen - wird dabei von unterschiedlichen soziologischen Denkschulen verschieden thematisiert und beantwortet. Ansätze, die stärker die Freiheit und Bedeutung des individuellen Handelns betonen, werden zu den Handlungstheorien gerechnet; sie versuchen, das Entstehen gesellschaftlicher Institutionen aus den Folgen und Nebenfolgen der zusammen- treffenden Handlungen sozialer Akteure zu erklären. Struktur- und Systemtheorien gehen den umgekehrten Weg: Für sie folgt die gesellschaftliche Entwicklung eigenen Gesetzen; menschliche Handlungen und Neigungen werden dann aus den gesellschaftlichen Strukturbedingungen und Zwängen abgeleitet. Die meisten zeitgenössischen Ansätze gehen aber davon aus, dass die soziale Wirklichkeit aus der Wechselwirkung von Handlungen und Strukturen entsteht. Soziologische Forschung fragt dann danach, wie sich die Einstellungen und Neigungen der handelnden Akteure - die Kultur - in Abhängigkeit von sich verändernden Institutionen und gesellschaftlichen Strukturprozessen wie Rationalisierung, Differenzierung oder Beschleunigung entwickeln und umgekehrt, wie Institutionen und Strukturen durch das Akteurshandeln beeinflusst werden.


Vor diesem allgemeinen Forschungshintergrund lassen sich dann wiederum drei Schwerpunkte unterscheiden, von denen auch die Soziologie in Jena bestimmt ist.

Die Allgemeine und Theoretische Soziologie fragt nach den grundlegenden Bedingungen sozialen Handelns und gesellschaftlicher Entwicklung. Wie ist soziale Ordnung möglich?, lautet die Ausgangsfrage aller soziologischen Theorie. Weil diese Frage erst in der Moderne, die nicht mehr von der fraglosen Geltung einer vorgegebenen Ordnung ausgehen kann, zu einem relevanten Problem wird, entsteht auch die soziologische Theorie im engeren Sinne erst mit der Entfaltung der Moderne im späten 19. Jahrhundert. Sie reagiert also immer schon auf die Erfahrung von Modernisierungsprozessen, welche die Vorgängigkeit, Eigengesetzlichkeit und Widerständigkeit gesellschaftlicher Strukturen gegenüber allem individuellen und politischen Wollen sichtbar werden lassen. Für die Lehre bedeutet 'soziologische Theorie' daher zunächst das Studium der 'klassischen' gesellschaftstheoretischen Entwürfe von Autoren wie Karl Marx, Emile Durkheim, Max Weber oder Georg Simmel, dann aber auch von neueren Autoren wie Jürgen Habermas, Niklas Luhmann oder Michel Foucault. Aber auch die Interpretation von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in 'Zeitdiagnosen' und die kritische Identifikation von sozialen Fehlentwicklungen im Sinne sozialer 'Pathologien' zählen zu den Aufgaben der soziologischen Theorie.