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Forschungsprofil

Das Institut für Soziologie in Jena steht für eine Soziologie, die sich im Dreiklang als öffentlich, kritisch und pluralistisch versteht. Die Arbeit des Instituts schließt an jüngere Konzepte einer Public Sociology an, die davon ausgeht, dass sozialwissenschaftliches Wissen auch im Zusammenspiel und Dialog mit Intellektuellen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Expert*innen aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen gewonnen wird. Ein solches Verständnis öffentlicher Forschung geht über einen unilateralen Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft hinaus und öffnet Räume für die Ko-Produktion von Wissen. Dabei vertritt das Institut eine kritische Soziologie, die dem Anspruch folgt, gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur zu beschreiben, sondern theoretisch versiert und empirisch fundiert zur Kritik von Herrschafts-, Ungleichheits- und/oder Ausbeutungsverhältnissen beizutragen. Die öffentliche und kritische Soziologie des Instituts ist zugleich eine pluralistische Soziologie: Dies äußert sich nicht nur in einer großen thematischen Vielfalt, sondern auch und vor allem in der Bezugnahme auf eine große Bandbreite unterschiedlicher Paradigmen, Theorien und Methoden.

Da soziologische Forschung mehr ist als die Anhäufung von Daten basiert diese Forschungshaltung auf einem zweiten Dreiklang: der Zusammenführung von Gesellschafts- und Subjekttheorien mit einer für aktuelle Transformationsprozesse sensiblen Zeitdiagnose sowie einer methodisch breit aufgestellten, qualitative wie standardisierte Verfahren gleichberechtigt umfassenden, empirischen Sozialforschung.

Konkret arbeiten wir im Institut zu folgenden Themenbereichen - die sich natürlich vielfach überlagern:

#Arbeit und Ökonomie im Wandel

In diesem Schwerpunkt geht es um die Erforschung der Transformation von (Lohn-)Arbeitsgesellschaften und Arbeitsmärkten unter den Bedingungen einer intensivierten Globalisierung. Dabei geht es sowohl um Strukturveränderungen auf der Makroebene (Finanz-, Waren- und Arbeitsmärkte) als auch auf der Mikroebene (z.B. im Betrieb oder in der Familie) sowie um Aktivitäten und Aktionen individueller und kollektiver Akteure (z.B. Gewerkschaften). Prozesse der Prekarisierung sind in den Forschungsarbeiten des Institutes ebenso zentral, wie Entwicklungen der Finanzialisierung, der De-Standardisierung von Erwerbsarbeit, der Polarisierung von Arbeitsmärkten oder des Fachkräftemangels.

 

#Ungleichheit, Klassen- und Eigentumsverhältnisse

Eng verbunden mit der Transformation von Arbeitsgesellschaften ist die Entwicklung globaler und nationaler sozialer Ungleichheit(en). Wir erleben gegenwärtig die Zunahme von Einkommens- und Vermögensungleichheiten innerhalb der meisten nationalen Gesellschaften, bei gleichzeitiger Abnahme von Ungleichheiten zwischen den Staaten des Nordens und des Südens. In diesem Schwerpunkt geht es um die empirische Erforschung von Verteilungs- und Sozialstrukturen sowie Bildungsverläufen, um die Untersuchung von Klassenverhältnissen und -konflikten sowie um die Analyse wohlfahrtsstaatlicher Institutionen und sozialpolitischer Instrumente in ihrem Einfluss auf gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse. Zentral ist im Institut zudem die Analyse von Eigentumsverhältnissen, welche in der Soziologie ob ihrer Konzentration auf die Verteilung von Einkommen und Gütern jahrzehntelang vernachlässigt worden sind.

 

#Geschlechterverhältnisse, Care und Soziale Reproduktion

Weder Arbeitsgesellschaften noch Ungleichheits- oder Eigentumsverhältnisse können 'geschlechtsneutral' adressiert werden, weshalb ein geschlechtersensibler Blick eine Selbstverständlichkeit in allen Forschungsschwerpunkten ist. Zugleich bildet die Analyse von Geschlechterverhältnissen aber auch einen eigenen Schwerpunkt unserer Arbeit: Die Analyse von Männlichkeit (im Wandel) ist hier ebenso zentral wie die Untersuchung von Familienstrukturen, Paarbeziehungen und Sexualität im Wandel. Ausgehend von einem erweiterten Arbeitsbegriff, der neben Erwerbsarbeit auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit umfasst, wird im Institut ferner zur Krise der sozialen Reproduktion und zum Wandel von Care- und Sorgeverhältnissen in Zeiten familialen, wohlfahrtsstaatlichen und demographischen Wandels geforscht. In diesem Zusammenhang ist auch die Beschäftigung mit dem Alter(n) von Gesellschaft und Individuen ein zentraler Forschungsfokus.

 

#Technologischer Wandel, Digitalisierung und Informationsgesellschaft

Rasanter technologischer Wandel strukturiert Arbeits- und Lebensverhältnisse im Allgemeinen sowie die Verarbeitung von Wissen und Informationen im Besonderen von Grund auf neu. In diesem Forschungsschwerpunkt werden die Bedingungen und Folgen forcierter Digitalisierung in der Arbeitswelt (Stichwort 'Industrie 4.0') und Freizeit ebenso untersucht wie Fragen des geistigen Eigentums in der digitalisierten Wissensökonomie, die Bedeutung von Wissen und Informationen für die Transformation des Gegenwartskapitalismus (Stichwort 'Postkapitalismus' oder 'Wissenskapitalismus') oder die Veränderung von Zeit- und Eigentumsstrukturen an den Finanzmärkten, wenn Wertpapiere, automatisiert gehandelt, nur noch für Bruchteile von Sekunden gehalten werden. Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungsarbeiten in diesem Bereich ist die Untersuchung der Re-Strukturierung von 'Privatheit' bzw. Privatsphäre und Öffentlichkeit(en) in Prozessen der Digitalisierung.

 

#Demokratie, Populismus und Strukturwandel des Öffentlichen

Die forcierte Digitalisierung und die wachsende Bedeutung sozialer Netzwerke restrukturieren demokratische Öffentlichkeiten mit ambivalenten Effekten: Zum einen werden neue Formen demokratischer Auseinandersetzungen und massenhafter Mobilisierung ermöglicht, zum anderen unterminieren intransparente Algorithmen, der Schutz der Anonymität und die digitale Verbreitung von 'Fake News' den demokratischen Diskurs und stärken den Einfluss regressiver Kräfte. In diesem Schwerpunkt geht es um den Wandel und die Gefährdung der Demokratie unter Bedingungen des weltweit erstarkenden Rechtspopulismus einerseits sowie eines einseitig an Unternehmensinteressen orientierten Neoliberalismus andererseits. Die Frage nach den Ursachen für das Erstarken rechter Kräfte wird ebenso erforscht wie die anti-demokratischen Effekte einer auf Alternativlosigkeit und Sachzwanglogik angelegten Wirtschafts- und Austeritätpolitik. Die Diagnose eines grundsätzlichen, gleichwohl historisch unterschiedlich ausgestalteten Spannungsverhältnisses von Demokratie und Kapitalismus bildet den gemeinsamen Ausgangspunkt der Forschung in diesem Bereich.

 

#Sozial-ökologische Transformation und (Post-)Wachstumsgesellschaften

Wir erleben derzeit eine Kumulation ökologischer Gefahren, die planetarische Belastungsgrenzen überschreiten oder zu überschreiten drohen. Diese Herausforderungen sind nicht von grundlegenden Fragen des Wachstums und der kapitalistischen Akkumulationsdynamik zu trennen und sie sind eng mit sozialen Fragen und Ungleichheiten verwoben. In diesem Schwerpunkt wird deshalb der Zusammenhang von ökologischen und sozialen Problemen erforscht und das Wirtschaftswachstum in seinen sozizio-kulturellen, ökologischen und politischen Implikationen in den Blick genommen. Die Analyse des Abflachens ökonomischer Wachstumsraten in den früh industrialisierten Ländern bei hoher Dynamik aufholender Hochwachstumsgesellschaften (v.a. China und Indien) spielt in diesem Forschungsschwerpunkt eine ebenso zentrale Rolle wie die Untersuchung konkreter, nachhaltiger alternativer Ökonomien oder mit der Energiewende verbundener Herausforderungen. In Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig werden insbesondere gesellschaftliche Widersprüche in Prozessen der Nachhaltigkeitstransformation untersucht - unter besonderer Berücksichtigung  von zu erwartenden Konflikten, Polarisierungen und so genannten "Fake News" (z.B. Leugnung des Klimawandels).

 

#Zeit-, Subjekt- und Weltverhältnisse im Wandel

In diesem Forschungsschwerpunkt stehen die Subjekte und ihre Vergesellschaftung unter spätmodernen Bedingungen im Zentrum. Hier werden Fragen der Subjektivierung unter Bedingungen einer aktivierenden Sozial-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik ebenso untersucht wie die gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen einer zunehmend beschleunigten Arbeits- und Lebenswelt oder das Phänomen sozialer Erschöpfung (Stichwort 'Burnout'). Auch die grundlegende Frage, wer überhaupt als soziales Subjekt akzeptiert wird, ist Gegenstand dieses Schwerpunkts und strukturiert die Beschäftigung mit sozialen Kämpfen gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung bestimmter Subjektpositionen (z.B. von so genannten 'Hartzern' oder von Transgender-Personen). Mit Blick auf Zeitverhältnisse wird untersucht, inwiefern sich das gesellschaftliche Zeitverständnis oder typische Muster der Zeitverwendung wandeln. Als Weltverhältnisse werden schließlich die Beziehungen der Subjekte zu ihrer Umwelt analysiert, verbunden mit der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen ein resonantes Weltverhältnis realisieren.