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Forschungsprofil

Am Institut in Jena werden folgende Themen erforscht:Soziologie des Ökonomischen, Wohlfahrtstaat und Zivilgesellschaft, Sozialstrukturanalyse und (politische) Elitenforschung, Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose sowie Kapitalismusanalyse und Gesellschaftskritik.

    Soziologie des Ökonomischen

    Der Schwerpunkt erforscht die Transformation von Arbeitsgesellschaften und Arbeitsmärkten unter den Bedingungen "intensivierter" Globalisierung. Dabei geht es sowohl um Strukturveränderungen auf der Makroebene (Finanz-, Waren- und Arbeitsmärkte) als auch auf der Mikroebene (Betrieb und Arbeit) sowie um die Aktionen der beteiligten kollektiven und individuellen Akteure. Eine Besonderheit des Schwerpunktes besteht in der Verzahnung von ökonomisch-politischen, arbeits- und arbeitsmarktsoziologischen Fragestellungen mit der Erforschung sozialer Ungleichheiten und der Integrationsprobleme moderner Gesellschaften. Die empirische Forschung im Schwerpunkt ist international ausgerichtet und über einzelne Projekte mit dem SFB verbunden.

    Konkrete Forschungsthemen sind u.a.: Finanzmarktkapitalismus, Räume der Globalisierung, interne und externe Arbeitsmärkte, Manager-Eliten, prekäre Beschäftigung, Arbeitsmarkt und soziale Ungleichheit, Personalwirtschaft in Klein- und Mittelbetrieben sowie flexible Arbeit und soziale Sicherheit. Dabei geht der Schwerpunkt von einem doppelten Transformationsbegriff aus. Der Übergang von einer staatssozialistischen zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung wird in die Transformation der sozialstaatlich regulierten Kapitalismen Westeuropas eingebettet.

    Wohlfahrtstaat und Zivilgesellschaft

    Der Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem Wandel von wohlfahrts- bzw. sozialstaatlichen Ordnungen im Zuge zivilgesellschaftlicher Veränderungen. In den meisten entwickelten Gesellschaften kam es im Zuge ihrer Modernisierung zur Ausbildung wohlfahrtstaatlicher Anrechtssysteme, z.B. dem Gesundheitssystem, der Arbeitslosenversicherung oder der Altersvorsorge. Diese Leistungen zielten vor allem auf den Statuserhalt des individuellen Bürgers als Akteur ab und ersetzten dabei Beiträge, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen (wie z.B. der Familie, der Nachbarschaftshilfe oder dem Vereinsleben) erbracht wurden.

    Im Zuge der Transformation der ökonomischen Strukturen moderner Gesellschaften (Liberalisierung, Deregulierung) beginnen diese Garantien oder Versicherungen zu erodieren. Dies hängt einerseits mit Problemen der Finanzierbarkeit zusammen, aber auch mit einer grundsätzlichen Umstellung des Diskurses um gesellschaftliche Unterstützungsbeziehungen. Dieser Diskurs setzt an der Frage an, inwiefern der garantierte Statuserhalt wirklich zur Autonomie der Lebenspraxis des Bürgers beiträgt oder nicht umgekehrt auch zu Bevormundung führen kann. Der institutionelle Umbau des Sozialstaats in 'aktivierender' Absicht verändert die Rahmenbedingungen im Verhältnis zwischen bedürftigem oder aktivierbaren Individuum und sorgendem oder aktivierenden Staat. Eine international vergleichende Analyse dieses Wandels soll seine Implikationen für die Struktur gesellschaftlicher Unterstützungsbeziehungen erhellen.

    Konkrete Forschungsthemen sind: das Verhältnis der wohlfahrtstaatlichen Institutionen zu spezifischen Umfeldstrukturen der Akteure (z.B. sozialisatorische Interaktionsformen, Familientypen, aber auch: Nachwirkungen historischer Strukturen in regionalen Umfeldern); berufsgruppen- und organisationsspezifisches professionelles Handeln in psychosozialen Dienstleistungen; biographische, familiengeschichtliche, lokale und politisch-kulturelle Einflüsse auf die Aktivierung zivilgesellschaftlichen Engagements; Verhältnis der Engagementkulturen zu professionellen Kulturen in sozialstaatlichen Handlungskontexten; die Problematik des Ruhestands im Alter als Spannungsfeld zwischen Versicherungs- und Aktivierungsdiskurs.

    Sozialstrukturanalyse und (politische) Elitenforschung

    Der Schwerpunkt befasst sich mit dem Zusammenhang der Ausdifferenzierung sozialer Strukturen (insbesondere sozialer Ungleichheiten) und dem Prozess der Elitenbildung in modernen Gesellschaften. Ein besonderer Akzent liegt auf der Analyse von Eliten im politischen System.

    Trotz der tendenziell egalitär angelegten Wertmuster moderner Gesellschaften (Stichwort: Chancengleichheit) haben sich im Verlauf der Moderne Strukturen der sozialen Ungleichheit fortwährend reproduziert und insbesondere auch zu einer Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Eliten geführt. Solche Eliten bildeten sich nicht nur im ökonomischen Bereich aus, sondern gerade auch in der Politik. Dort widerspricht die Existenz von Eliten dann nicht nur dem Wertpostulat der Gleichheit, sondern vor allem der Idee der Demokratie als einer gleichberechtigten Form der Mitbestimmung. Es fragt sich also wie solche Diskrepanzen von Akteuren und Institutionen im politischen Sektor als (paradoxe) Herausforderung aufgegriffen werden, wie dies zu Wertverunsicherungen, Legitimitätskrisen oder gar zu Verdrossenheit führen kann - oder umgekehrt als legitimer Konkurrenzkampf und Ausdruck einer Professionalisierung des Politischen gedeutet wird.

    Bemerkenswerterweise fand sich dieser Zug zur Elitenbildung auch in staatssozialistisch organisierten Gesellschaften, die noch stärker am Wert der Egalität orientiert waren. Dies wirft die Frage nach gesellschaftsformationsübergreifenden Mechanismen der Elitenbildung auf.

    Konkrete Forschungsthemen sind: Strukturen des politischen Systems, ihrer Verfahren (wie Wahlen; Parteien- und Delegationssystem), ihrer individuellen/kollektiven Akteure (Wähler, Wählergruppierungen, Parteien/mitglieder, Abgeordnete); die Rekrutierung, Zirkulation und Orientierung der politischen Akteure, internationaler Vergleich der Strukturen des politischen Systems und seiner Akteurskonfigurationen; historische Analyse der Führungseliten und sozialen Differenzierungsprozesse in der DDR.

    Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose

    Der Schwerpunkt beschäftigt sich mit der Frage nach gegenwärtigen Transformationen der modernen Gesellschaft. Entstanden nahezu alle klassischen soziologischen Theorien in der Auseinandersetzung mit der aufkommenden Moderne, so lassen sich auch die gegenwärtigen soziologischen Ansätze auf die Frage nach den Veränderungen und Problemen der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen beziehen. Während die klassische Frage nach der Gestalt der Moderne von der Erfahrung geprägt war, dass gesellschaftliches Zusammenleben nicht mehr durch die fraglose Geltung einer vorgegebenen Ordnung garantiert und durch die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit sozialer Prozesse abgesichert wird, so reflektieren die zeitgenössischen soziologischen Theorien auf einen nochmals beschleunigten sozialen Wandel, der in eine fortschreitende Ökonomisierung des Sozialen und eine zunehmende Verunsicherung und Infragestellung der klassisch-modernen Arrangements des Sozial- und Wohlfahrtsstaat mündet. Solche Fragen nach den Veränderungen des zentralen Gegenstandsbereiches der Soziologie bilden ein stetes Motiv soziologisch-theoretischer Bemühungen, so dass Zeitdiagnose zu einem konstitutiven Bestandteil soziologischer Theorien wird um den Wandel moderner Gesellschaften adäquat erfassen zu können. Der Schwerpunkt beschäftigt sich systematisch mit den verschiedenen theoretischen Ansätzen der Soziologie, um einerseits die grundbegriffliche Auseinandersetzung zu stärken und andererseits nach Themenstellungen und Möglichkeiten soziologischer Zeitdiagnose zu fragen.

    Konkrete Forschungsthemen sind: Die Auseinandersetzung mit Theorien sozialen Wandels und dem anhaltenden Systemumbruch in den ehemals real-sozialistischen Ländern. Die Frage nach der Gegenstandsauffassung, dem wissenschaftlichen Verständnis und der gesellschaftliche Selbstverortung der Soziologie. Normen- und Wertbegriffe in der Verständigung zwischen Ost- und Westeuropa. Die Frage nach dem Zusammenhang von Konsumismus und 'Überflüssigkeit', die mit der Entwicklung eines eigenen Forschungsansatzes, der prozeduralen Methodologie verbunden wird.

    Kapitalismusanalyse und Gesellschaftskritik

    In einem bereichsübergreifenden Projekt begründen Inhaber und Mitarbeiter/innen vierer Lehrstühle einen Jenenser Ansatz zur Kapitalismusanalyse und Gesellschaftskritik. Regelmäßig finden Akademien zum Thema statt. Zwei Buchpublikationen sind in Vorbereitung: Dörre/Lessenich/Rosa: Soziologie - Kapitalismus - Kritik sowie "Kapitalismuskritik vom Katzentisch" herausgegeben von den Mitarbeiter/innen. [mehr...]


    Kriterien unserer Forschung

    In den Forschungsprojekten des Jenaer Instituts für Soziologie werden die folgenden vier Gütekriterien als Orientierungsmaßstab angesehen:

    A Theoriegeleitetheit

    Wenn etwas erforscht wird, so hat man zumeist ein paar Vorannahmen, aber auch offene Fragen. Theorien sollen dabei helfen, Vorwissen weiter zu klären sowie Fragestellungen zu präzisieren und soziologisch einzuordnen. Sie sollen außerdem dienen, nach übergreifenden Erklärungsmodellen zu suchen, die dann am empirisch zusammengetragenen Material bestätigt, spezifiziert, abgewandelt oder widerlegt werden. Soziologische Forschung besteht nicht in der bloßen Anhäufung von Daten. Die Theorie soll also dafür Sorge tragen, dass die Forscher vor lauter empirischen Bäumen noch den Wald erkennen.

    Im Sonderforschungsbereich 580 besteht eine übergreifende theoretische Konzeption im Challenge-Response-Ansatz. Am Institut für Soziologie trägt der Lehrstuhl für soziologische Theorie zur Verankerung der konzeptioneller Ansätze in der Forschung bei.

    B Mehrdimensionalität und Längschnittsdesign

    Die Konzeption soziologischer Untersuchungen sollte nicht eindimensional und statisch sein. Dies lässt sich bereits durch Vorkehrungen im Untersuchungsdesign vermeiden. Schon bei der Erhebung von Daten kann man darauf achten, dass die verschiedenen Ebenen (Mikro- oder Makrostrukturen, Institutionen- oder Akteursperspektiven) der untersuchten Sachverhalte repräsentiert sind. Am Institut für Soziologie in Jena verwenden wir in der Forschung sowohl qualitative als auch quantitative Methoden in ihrer Kombination. Zudem bemühen wir uns, soziale Prozesse im Zeitverlauf (longitudinal) zu registrieren und zu über die dabei gewonnenen Verlaufsdaten zu analysieren. In der qualitativen Forschung existieren dazu eine Reihe von prozessanalytischen Methoden (z.B. Biographieforschung, Genogrammanalyse, Textsequenzanalyse, etc.) wie auch in der quantitativen Soziologie (z.B. Paneldesigns, Ereignisanalyse, Sequenzmusteranalyse, Pfadmodelle, Zeitreihenanalyse). Die qualitativen und quantitativen Methoden sind nicht nur in einzelnen Lehrforschungen, sondern als fester Bestandteil an den mikro- und makrosoziologischen Lehrstühlen des Instituts vertreten und leisten darüber einen wichtigen Input zur Forschung.

    C Internationale Vergleichsperspektive

    Es ist eine Erkenntnis der letzten 25 Jahre, dass soziale Wirklichkeiten sehr stark von nationalstaatlichen Systemen und regionalen Strukturen abhängig sind. Um solche Einflüsse unterschiedlicher Kulturen, wohlfahrtstaatlicher Regime und regionaler Strukturen genauer einschätzen zu können, ist die heutige Forschung immer stärker international vergleichend angelegt. Hinzu treten die Diagnosen der Globalisierung und Europäisierung, die sich auch nur im internationalen Vergleichsmaßstab angemessen beurteilen lassen. Am Institut für Soziologie wurde dieser Herausforderung mit der Einrichtung eines eigenen Arbeitsbereichs "Gesellschaftsvergleich" Rechnung getragen, der sich spezifisch mit in den diesem Feld verwendeten Konzepten und Methoden befasst. Dies ist ein wichtiger Bezugspunkt für die Vielzahl der am Institut laufenden international vergleichend analysierenden Forschungsprojekte.

    D Interdisziplinäre Kooperationspotentiale

    Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Sonderforschungsbereich stellt eine besondere Chance der fächerübergreifenden Kooperation im Wissenschaftsbetrieb dar. Gerade die in unserem Fall zentrale Thematik des gesellschaftlichen Umbruchs nach dem Ende des Sozialismus in Mittel- und Osteuropa birgt interdisziplinäre Zusammenarbeit einen erheblichen Erkenntnisgewinn. Im hiesigen SFB ist das an einer Reihe von Kooperationen in den Schwerpunktbereichen zu erkennen. So finden wir bei der Untersuchung von gesellschaftlichen Eliten (Bereich A) die Zusammenarbeit mit Politikwissenschaftlern und Historikern; bei der Analyse von Transformationen im Beschäftigungssystem (Bereich B) Kooperation mit Ökonomen und Juristen sowie bei der Rekonstruktion von Wandlungen im sozialen Sektor (Bereich C) Vernetzungen mit psychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Projekten.